B31 NEU - VERKEHRSWENDE
Sommersemester 1997
Eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg
Volkswirtschaftliche Aspekte der Verkehrsentwicklung
Prof. Dr. Michael Drude 
Die neue B31-ost stellt den Versuch dar, mit dem anscheinend oder scheinbar Unaufhaltsam anschwellenden Kraftverkehr fertig zu werden, der sich in ost-west-Richtung durch Freiburg wälzt. Ob es sich um eine intelligente Lösung handelt, das bleibe dahingestellt und ist heute nicht mein Problem. Mir geht es um die Gründe der Verkehrsentwicklung und Verkehrsteilung der vergangenen Jahrzehnte und um absehbare Zukunftstrends - absehbar mit der Einschränkung, daß es sicheres Zukunftswissen bekanntlich nicht gibt. Ich befinde mich, so nehme ich an, in Übereinstimmung jedenfalls mit dem Großteil der Anwesenden, wenn ich eingangs feststelle: Das Auto ist ein Beitrag zum zivilisatorischen Fortschritt - nicht aus seiner Existenz schlechthin entstehen Probleme, sondern aus Tendenzen, es im Übermaß zu nutzen - nicht nur, aber auch in Deutschland. Wieso Tendenzen zu seiner Übernutzung? Zunächst einmal: Wir, als private Haushalte, Unternehmen in ihrer Eigenschaft als Verlader, denken sich doch vermutlich etwas dabei, wenn wir zur Befriedigung unserer Mobilitätswünsche, wenn sie zur Befriedigung ihrer Transportbedürfnisse, in der großen Mehrzahl der Fälle, dem Kfz den Vorzug geben - im Güterverkehr ist die Tendenz sogar nach wie vor steigend. Die Statistik weist seit der Währungsreform in fast jedem Jahr auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik Marktanteilsgewinne des Güterkraftverkehrs zu Lasten der Schiene aus, und in diesem Punkt hat sich in den neuen Bundesländern wahrhaft im Schnellgang eine Angleichung ergeben. Im Personenverkehr hat sich der Marktanteil des Pkw auf hohem Niveau stabilisiert. Dabei verfügt die Bahn als mehr oder minder ins Abseits geratene und geratende Transportform doch unbestritten über eine Fülle attraktiver Merkmale. Ich nenne: 1. Einen potentiell niedrigen spezifischen Energieeinsatz, d. h. einen niedrigen Energieeinsatz je Einheit der Verkehrsleistung, das ist der Pkm, im Personenverkehr bzw. der tkm im Güterverkehr. Ich sage potentiell deswegen, weil der Auslastungsgrad in dem Zusammenhang eine Rolle spielt. Ein Negativbeispiel: Wenn früher auf Nebenstrecken eine Lok einen schwach besetzten Personenwagen zog, dann war das eine Energieverschwendung fast auf DDR-Niveau. 2. Die Bahn ist, soweit unter Fahrdraht verkehrend, nicht auf einen bestimmten Primärenergieträger angewiesen. Strom kann man in Kernkraftwerken, aber auch in Solarkraftwerken gewinnen, und noch auf viele andere Arten. Dagegen gibt es als Antrieb für leitungsunabhängige Kleinmotoren zu Kraftstoffen auf Ölbasis gegenwärtig und wohl auch in den nächsten zwei, drei,... Jahrzehnten keine wirtschaftliche(!) Alternative - danach mag Wasserstoff eine solche Alternative abgeben. 3. Daß die Bahn die Masse ihrer Transportleistungen unter Fahrdraht erbringt, läßt sie auch bei Emissionen gut abschneiden. Soweit regenerative Energiequellen zur Stromerzeugung genutzt werden, gilt das sowieso, aber es gilt auch bei Kraftwerken, die fossile Brennstoffe verfeuern. Deren Emmissionen lassen sich besser in den Griff bekommen, als das bei Abermillionen Otto- und Dieselmotoren der Fall ist. 4. Ich nenne weiter den geringen Flächenverbrauch, wiederum bezogen auf die Einheit der Verkehrsleistung und wiederum grundsätzlich abhängig von der Auslastung der Verkehrswege - aber gleichwohl potentiell ein Vorteil der Bahn, in einem Land, das so dicht besiedelt ist, wie das unsere. 5. Der Sicherheitsgrad der Transportabwicklung ist hoch. Das hat einerseits damit zu tun, daß der Schienenverkehr, der spontanes Ausweichen und Überholen seiner Eigenart nach ausschließt, jedenfalls dann, wenn das Geschwindigkeitsniveau von Straßenbahnen überschritten wird, einer zentralisierten Betriebssteuerung bedarf; während auf der Straße nicht nur spontan überholt werden kann, sondern ziemlich oft auch spontan überholt wird - mit bekannten Folgen. Der hohe Sicherheitsgrad hat zum Anderen damit zu tun, daß im schienengeführten Verkehr viele Abläufe einer Automatisierung zugänglich sind; da gibt es noch ungenutzte Möglichkeiten, um den Risikofaktor Mensch zurück zu drängen. Ich meine, man muß nicht übertrieben technikgläubig zu sein, um den Menschen als Risikofaktor einzustufen! Und was macht den Kraftverkehr so attraktiv? Mit Blick auf den Pkw brauche ich nicht viele Worte zu verlieren - seine Vorteile kann jeder aus dem Stand referieren. 1. Die jederzeitige Verfügbarkeit. 2. Fast jedes Ziel kann bei der Dichte des Straßennetzes angesteuert werden. 3. Es gibt wenig Probleme beim Gepäcktransport. 4. Die Haushaltskasse wird geschont, wann immer es um die Beförderung mehrerer Personen, Familienangehöriger beispielsweise, zur gleichen Zeit, zum gleichen Ziel geht. Hierzu noch zwei Anmerkungen: * Autofahrern wird oftmals vorgehalten, sie rechneten den Pkw-Transport billiger, als er sie tatsächlich zu stehen komme. Sie machten nämlich nicht die Vollkosten, sondern nur die Betriebskosten zur Grundlage ihrer Transportmittelwahl. Das tun sie mehrheitlich wohl in der Tat - aber sie tun es mit gutem Grund. Wenn nämlich das Vorhandensein des Pkw als solches in einem Haushalt vorausgesetzt wird - die meisten Haushalte setzten das voraus, dann ist der Ansatz nur der Betriebskosten bei Entscheiden über die Nutzung des Pkw wirtschaftlich folgerichtig. Verrechnen tut sich allerdings, zu seinen Ungunsten - aber vermutlich, ohne es zu merken - , wer unter der Rubrik Betriebskosten nur den Treibstoffverbrauch berücksichtigt. * Unsere Behördenbahn - so wurde die frühere Bundesbahn zuweilen genannt, und das mit einiger sachlicher Berechtigung - hat speziell eines lange Zeit versäumt. Sie hat versäumt, in ihren Tarifen die Kostenstruktur der privaten Pkw-Haltung nachzubilden und zwar im besonderen den schon erwähnten und allseits bekannten Umstand, daß die Pkw-Betriebskosten kaum ansteigen, wenn statt einer Person mehrere Personen befördert werden. So etwas wie Mitfahrerermäßigung gab es lange Zeit überhaupt nicht, dann nur bei einigen Sonderangeboten und erst seit einigen Jahren gehört sie auch zum Standardangebot. Da merkte man: Die Bahn war nicht konkurrenzfähig, und das erlaubte es ihr, Nachfrageinteressen zu vernachlässigen. Was aber macht den Lkw aus Verladersicht so attraktiv und offenbar fortlaufend attraktiver? Immerhin gilt nach wie vor, daß die Bahn, auf das Ganze gesehen, den Lkw preislich unterbietet - allerdings sind im Güterkraftverkehr die Preise im Zeichen eines immer härteren Wettbewerbs in den vergangen Jahren deutlich gesunken. Aber der Preis zählt aus Verladersicht immer weniger, und das hat zu tun mit * dem Güterstruktur-Effekt * dem Logistik-Effekt. Ich will diese beiden Effekte erläutern: Güterstruktur-Effekt. Er begleitet die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland und anderswo. Er manifestiert sich darin, daß tendenziell immer weniger Rohstoffe und immer weniger Halb- und Fertigwaren zur Beförderung aufkommen. Anders und fachchinesisch ausgedrückt: Es steigt der durchschnittliche Verarbeitungsgrad der Güter und damit ihr spezifischer Wert. Dieser spezifische Wert bezeichnet den Wert eines Transportguts je Einheit des Gewichts oder des Volumens. Er ist niedrig bei Kies, dessen Wert sich auf einige -zig DM/t beläuft; er ist hoch bei Computerchips, bei denen je t - gewiß nicht das handelsübliche Maß - ein Millionenbetrag hinzublättern wäre. Auf der anderen Seite bestimmen Gewicht und Volumen die Transportkosten und damit mehr oder minder die Transportpreise. Was ist die Folge? Es kostet so ziemlich gleichviel - Betonung wohlgemerkt auf "ziemlich" - eine t Kies von Freiburg nach, sagen wir einmal Berlin zu versenden, wie eine t Chips. Aber bei Kies betragen diese Kosten ein mehrfaches des Güterwertes und bei Chips den Bruchteil eines Promille. Also interessieren bei höherwertigen Gütern die Transportkosten den Verlader immer weniger und qualitative Aspekte der Transportabwicklung immer mehr. Qualitative Aspekte, als da sind: 1. Die Fahrzeit. Der Lkw ist schneller, weil er, vom Kleingutverkehr abgesehen, zumeist von Haus zu Haus fährt, während bei der Bahn Transportvorbereitung und Transportabschluß ein zeitraubendes Unterfangen darstellt: Abholung der Waggons, Zugbildung, Auflösung der Züge, Zustellen der Waggons - und dazu kommen oft noch Umstellvorgänge unterwegs. Besonders groß ist der Zeitvorteil des Lkw im Wachstumsstarken grenzüberschreitenden Güterverkehr - Folge mangelnden Kooperationswillens und mangelnder Kooperationsfähigkeit der europäischen Bahnen, und insoweit handelt es sich um eine Blamage allerersten Ranges. Die administrativen Grenzkontrollen im EU-Raum sind verschwunden; im Binnenmarkt rollen Lkw, tuckern Binnenschiffe ohne Aufenthalt über die Grenzen. Im Schienentransport hat sich nichts getan; der Übergang eines Zuges von einem Netz auf ein benachbartes Netz vollzieht sich seit Jahrzehnten im Wesentlichen nach unveränderten Regelungen und mit kaum veränderter Gemächlichkeit. 2. Pfleglichkeit der Beförderung. Auch hier hat der Pkw, von Haus zu Haus fahrend, Vorteile. 3. Termineinhaltung. Da denkt unsereins an minutenlange Staumeldungen von Deutschlands Autobahnen, wie sie im Rundfunk im Anschluß an die Nachrichten verlesen werden, und er denkt daran, daß die Bahn nach Fahrplan verkehrt. Aber ein erheblicher Teil des Straßengüterverkehrs findet nachts statt, und da gibt es derzeit noch kaum Staus, während auf der anderen Seite die Existenz von Fahrplänen noch lange nicht ihre Einhaltung gewährleistet. Ein weiterer Faktor wirkt seit neuerem zugunsten des Lkw, und diesen Vorteil auszugleichen wird der Bahn ganz besonders schwer fallen. Es ist die transportbegleitende Information, die Möglichkeit der jederzeitigen Sendungsverfolgung. Auf der Straße kein Problem: Da handelt es sich um begleitete Transporte. Der mit Handy ausgerüstete Fahrer ist jederzeit erreichbar und kann seinerseits seinen Auftraggeber informieren, wann immer es irgendwelche Unregelmäßigkeiten im Transportablauf gibt, und mit ihm Möglichkeiten der Schadensbegrenzung erörtern. Schienentransporte sind unbegleitet - mit hohem Aufwand geht die Bahn das Informationsproblem, dessen Bedeutung sie erkannt hat, an, und hat doch kaum Chancen, mit dem Lkw gleichzuziehen. Dieses Problem der transportbegleitenden Information hat besonderes Gewicht im Zusammenhang mit dem Logistik-Effekt gewonnen, mit "just in time". "Just in time" heißt im Idealfall: Warenproduktion und Warenverteilung ohne Lagerhaltung, ersatzweise mit minimaler Lagerhaltung durch produktionstaktgenaue Anfuhr von Zulieferungen direkt vom Hersteller und Abholung vom Abnehmer. Selbst manche Fachleute halten "just in time" für eine Marotte, sogar für eine speziell deutsche Marotte, sie haben sie der Industrie bisher aber nicht ausreden können. Im Übrigen läßt sich grundsätzlich nicht bezweifeln, daß Lagerhaltung Geld kostet und daß folgerichtig eine Verringerung der Lagerhaltung Produktivitätsreserven erschließt. Marotte oder nicht: "Just in time" bedeutet: Zulieferung statt in großen Partien und großen zeitlichen Abständen in kleinen Partien in dichter zeitlicher Folge. Große Partien: Das käme den Leistungsmerkmalen der Bahn entgegen - kleine Partien: Da ist der Lkw besser. Ich versuche ein Zwischenfazit zu ziehen. Es sind unbezweifelbare Leistungsvorteile, die zur Dominanz des Kfz im Verkehrsgeschehen geführt haben, und der Mehrzahl der Prognosen zufolge diese Dominanz jedenfalls im Güterverkehr noch verstärken werden. Das trifft auf Deutschland zu, das gilt weltweit. Nur im seinerzeitigen Ostblock und der Volksrepublik China konnte der politisch gewollte Vorrang im Schienenverkehr systembedingt auch umgesetzt werden - mit den Mitteln eines Systems allerdings, das sich als Ganzes als nicht überlebensfähig erwies. Aber wer mir bis hierher zugehört hat und vielleicht in der Sache gefolgt ist, wird sagen: "Das kann ja wohl noch nicht die ganze Wahrheit sein. Der Kraftverkehr mag gut sein, aber kräftig subventioniert wird er doch auch." Das wird er in der Tat, und diesem gewichtigen Komplex will ich mich jetzt zuwenden. Eine Bemerkung vorweg: Oft ist zu hören, zumal auch von Vertretern der Bahn, sie finanziere ihre Infrastruktur, ihre Schienenwege selber, wärend dem Kfz-Verkehr das Straßennetz vom Staat zur Verfügung gestellt werde. Dümmer geht's nimmer. Die Bahn hing in der Nachkriegszeit immer am Tropf des Bundes, und auf der anderen Seite übersteigt das Aufkommen aus den Sonderabgaben des Kraftverkehrs, vorneweg das Aufkommen der Mineralölsteuer; die Straßen kosten selbst bei großzügiger Abgrenzung derselben erheblich. Es geht im Zusammenhang mit der faktischen Subventionierung des Kraftverkehrs um einen anderen Sachverhalt. Tatsächlich gibt es dort neben den sogenannten privaten Kosten, d. h. den Kosten, die bei denjenigen zu Buche schlagen, die als Haushalte, als Spediteure, oder in welcher Eigenschaft auch immer, auf der Straße Verkehrsleistungen erbringen, noch sogenannte externe Kosten. Dem Grunde nach ist das unstrittig; gestritten wird freilich über die Höhe dieser externen Kosten. Worum handelt es sich dabei überhaupt? Es sind Kosten, die durch konsumptive oder produktive Aktivitäten entstehen, hier: Durch aktivitäten verkehrlicher Art, die aber - aus welchem Grund auch immer - beim Verursacher nicht zu Buche schlagen. Der Verursacher wird sie folgerichtig in seiner Kostenrechung und allgemein in seinen wirtschaftlichen Entscheidungen nicht berücksichtigen. Externe Kosten des Verkehrs treten v. a. als Umweltkosten in Erscheinung, als Kosten, z. B. von Lärmabstrahlung oder Schadstoffabgabe. Es kommt zu Gesundheitsschäden, Sachschäden u. a. m. Unter Letzteren ist auch das Waldsterben einzuordnen, das maßgeblich dem Kraftverkehr angelastet wird. Bäume sterben ab, oder es kommt jedenfalls zu Wachstumsverzögerungen - ein Phänomen, das eindeutig Kostencharakter trägt. Der Wald, ein Wirtschaftsgut, mit vielfältigen Funktionen, erfährt einen Wertverlust. Warum sind die Kosten extern? Warum muß der Verursacher nicht für sie einstehen? Vordergründig liegt das immer an Lücken in der Rechtsordnung. Es gibt eben keine Rechtsgrundlage, die es Waldbesitzern ermöglichte, die Schädiger ihres Eigentums zu belangen. Und warum gibt es die Lücken in der Rechtsordnung? Das läßt sich leicht erklären, schwer beheben: * Zunächst müssen Umweltschäden als solche wahrgenommen werden - bei Waldschäden begann das vor rd. 15 Jahren. * Dann muß der Verursacher ausgemacht werden, wozu es aufwendiger und zeitraubender wissenschaftlicher Forschung bedarf. * In einem weiteren Schritt sind die Schäden zu bewerten, um sie dann, wenn es denn politisch durchsetzbar ist, dem Verursacher anzulasten, oder - wie es fachsprachlich heißt, um sie zu internalisieren. Es geht um die Umsetzung des Verursacherprinzips, des Schlüsselbegriffs der Umweltpolitik im marktwirtschaftlichen Rahmen. Ich wiederhole: Dem Kraftverkehr werden - z. T. sogar ziemlich unstrittig - verschiedene Kategorien von Umweltkosten zugerechnet. Die Schätzungen über ihre Höhe klaffen freilich weit auseinander. Mitte der achtziger Jahre wurden einige Schätzungen in Form einer Synopse publik gemacht - die Beträge schwankten, damals selbstverständlich beschränkt auf das alte Bundesgebiet, zwischen und 40 und 300 Mrd. DM. Für den Schienenverkehr ergab sich ein Bruchteil dieser Summen. Die Genannten Beträge werden anschaulicher, wenn man sie rechnerisch über eine Erhöhung der Mineralölsteuer auf den Kraftstoffpreis umlegt - ein Verfahren der Internalisierung, das theoretisch unter dem Aspekt des Verursacherprinzips nicht ganz unanfechtbar ist, das aber den großen Vorzug aufweist, mit sehr geringen Durchführungskosten einherzugehen. Es hätten sich dann Kraftstoffpreise je l von knapp 2 DM bis gegen 6 DM ergeben. Durch Umkehrschluß folgt: Solange diese Kosten nicht internalisiert sind, wirken sie wie eine massive Subventionierung des Kraftverkehrs - mit seiner Aufblähung als Folge. Ein so unsicherer Kenntnisstand, mit Blick auf die externen Kosten, macht es der Autolobby ziemlich leicht, durch Öffentlichkeitsarbeit Belastungen für den Kraftverkehr abzuwehren, und diese Lobby ist in Deutschland stark. Sie besteht bei Leibe nicht nur aus dem Verband der Automobilindustrie und dem ADAC. Ich pflege zu sagen, sie reicht von der FDP bis hin zur IG Metall - die weis schon, wo sie ihre stärksten Bataillone hat, nämlich in den Großbetrieben ihrer Branche, und das sind die Autofabriken. Eine Geschichte, die ich öfters erlebt habe, mag das belegen. Wenn Ende der siebziger Jahre - damals spielten die Grünen in der Politik noch keine Rolle - eine verkehrswissenschaftliche Tagung mit schweizer Beteiligung stattfand, dann stand unweigerlich ein Schweizer auf und beklagte, wie schwierig in seinem schönen Land, Verkehrspolitik geworden sein, seit in vielen Kantonsparlamenten und auch im Nationalrat in Bern, die Autopartei - so hieß sie damals wirklich, jetzt heißt sie Freiheitspartei - vertreten sei. Wenn der Schweizer geendet hatte, stand ein Deutscher auf, und sagte: "Liebe schweizer Freunde, ihr habt eine Autopartei, wir haben nur Autoparteien, und wenn der Automobilindustrie Ungemach droht, dann schickt man der Bundesregierung, wenn es eine schwarze ist, die Unternehmensvorstände auf den Hals, und wenn es eine rote ist, die Betriebsräte." Gleichwohl: Eine schritt- und teilweise Internalisierung der externen Kosten dürfte nicht aufzuhalten sein. Der Bundesfinanzminister braucht Geld und die Mineralölsteuer ist die einzige wirklich ergiebige Bundessteuer: Für ihre Erhöhung benötigt er die Zustimmung des Bundesrates nicht. Durch ökologisches Problembewußtsein ist dieser Finanzminister noch nie in Erscheinung getreten, Finanznot läßt ihn unbeabsichtigt das Richtige tun. Es wäre noch "richtiger", wenn er im Gegenzug andere Steuern senkte, aber darauf wagt man ja kaum mehr zu hoffen. Es stellt sich die Frage, ob ein deutscher Alleingang machbar ist. Doch da lehrt die Erfahrung, daß die meisten Nachbarländer Mineralölsteuererhöhungen in Deutschland zu folgen pflegen, so daß es sich allenfalls um einen deutschen Alleingang auf Zeit handeln würde. Wie wirkt eine nachhaltige Verteuerung des Kraftstoffs und damit des Straßenverkehrs? Im Personenverkehr werden sich drei Folgen einstellen: 1. Wir haben einen Anreiz, unsere Mobilität zu verringern: Statt sonntäglicher Spritztouren an den Bodensee verbringen wir die Zeit umweltfreundlich vor dem Fernseher, im Schrebergarten oder auf dem Fahrrad. Oder etwas ernsthafter: Langfristig gehen von einer Verteuerung der Personenmobilität Anreize aus, Wohn- und Arbeitsstätten einander räumlich stärker zuzuordnen, als das gegenwärtig der Fall zu sein pflegt. Der Zug ins Grüne - und das hieß und heißt oft: Der Zug aus der Stadt aus der Stadt mit ihrer Konzentration von Arbeitsstätten in das Umland - sprach und entspricht zweifellos intensiv empfundenen Wünschen vieler Haushalt. Daß dieser Zug ins Grüne als Begleiterscheinung lange Pendlerwege produzierte, wurde hingenommen. Die räumliche Trennung von Wohn- und Arbeitsstätten setzte die um 1930 verabschiedete Charta von Athen um. Damals war die Industrie der größte Arbeitgeber, und industrielle Produktion war häufig emmissionsträchtig; mit Verkehr wurden damals Umweltbelastungen noch nicht in Verbindung gebracht. Die Zeiten haben sich geändert. Dienstleistungen mit geringer Emmissionsträchtigkeit prägen die Arbeitswelt, und der Verkehr, speziell der motorisierte Individualverkehr, ist in den Augen vieler zum "Umweltfeind Nr. 1" aufgestiegen. Eine Abkehr von der Charta von Athen erscheint folgerichtig; es kommt darauf an, das Instrumentarium des Baugesetzbuches zur Steuerung der Flächennutzung entsprechend anzuwenden. Mancher Verkehr wird auf diese Weise gewiß vermieden; Zurückhaltung ist gleichwohl angebracht. In dem Maße, in dem mehr als ein Angehöriger eines Haushalts einer Erwerbstätigkeit außer Haus nachgeht, wird sich die räumliche Zuordnung von Wohn- und Arbeitsstätte nur in seltenen Fällen für mehr als eine Person bewerkstelligen lassen. Abgesehen davon: Wahlmöglichkeiten in Bezug auf den Arbeitsplatz sind ein Element der Freiheit des Arbeitnehmers. Massenarbeitslosigkeit schränkt diese Freiheit ein, Mobilität erhöht sie. Sie verschafft dem Einzelnen Zugriff auf einen ausgedehnten Arbeitsmarkt. Stark ist als Arbeitnehmer, wer sich im Bedarfsfall - in Umkehrung des Ausrufs, den Martin Luther vor dem Reichstag in Worms machte - sagen kann: "Hier stehe ich, ich kann auch anders." Daß auch eine Zunahme der Tele-Arbeit nur in ziemlich geringem Umfang zur Verkehrsvermeidung führt, hat eine viel beachtete Studie des Öko-Instituts vor kurzem dargetan. 2. Wir werden unsere Verkehrsmittelwahl überdenken und uns häufiger als zuvor gegen den Pkw und z. B. für die Bahn entscheiden, vorausgesetzt, diese zieht mit ihren Preisen nicht oder jedenfalls nicht in vollem Umfang nach, wenn die Autokosten steigen. Aus wirtschaftlichem Eigeninteresse wird sie wohl nicht in vollem Umfang nachziehen. 3. Das 3-l-Auto wird, sobald die Internalisierung der externen Kosten des Kraftverkehrs erfolgt ist, marktfähig. Das Verringert nicht oder nur bedingt den Umfang des Kraftverkehrs, aber es verbessert seine Umweltverträglichkeit. Das 3-l-Auto gibt es bekanntlich. Die Pkw- Hersteller enthalten es uns nicht aus purer Bosheit vor, wie gelegentlich behauptet wird, sondern sie vermuten - ich denke mit Recht -, daß Unsereins es bei den gegenwärtigen Kraftstoffpreisen nicht kaufen würde. Das 3-l-Auto ist ja im Vergleich zur Durchschnittslimousine von heute mit einigen Einschränkungen verbunden - bei teurem Kraftstoff wären wir zur Schonung unserer Haushaltskasse wohl geneigt, über diese Einschränkungen hinwegzusehen. Was würde sich im Güterverkehr ändern? Es würde sich, um ein häufig bemühtes Beispiel aufzugreifen, vermutlich nicht mehr rechnen, niederländischen Schinken nach Südtirol zu verfrachten, um ihn dann kurz in eine Räucherkammer zu hängen, um ihn dann im Ruhrgebiet als Tiroler Bauernschinken unters Volk zu bringen. Verallgemeinert: Es würden Anreize wirksam, die Bezugs- und Absatzwege zu verkürzen, Verkehr zu vermeiden - die interregionale Arbeitsteilung würde zwar nicht aufhören, sich der Tendenz nach aber zurückbilden. Nicht eintreten wird, was in manchen Umweltkreisen als ideal zu gelten scheint: Eine Re-Regionalisierung der Wirtschaft. Nach dem Muster: Im Breisgau nur Breisgau-Joghurt und Ganther- Bier, in Nordfriesland nordfriesischen Joghurt und Flensburger Pils. Das könnte Unternehmen so passen: Jedem sein abgegrenztes Absatzgebiet, in dem es sich vor Wettbewerbern sicher weis. Die Folgen für die Preise kann sich auch der Laie ausmalen. Weniger geläufig, aber ebensogut belegbar ist, daß es keine wirksamere Vorkehrung gegen Resourcenvergeudung gibt, als Wettbewerb. Es sei als Negativbeispiel daran erinnert - es klang oben schon an -, wie in der DDR und darüber hinaus in allen sozialistischen Volkswirtschaften mit Energie buchstäblich "geaast" wurde. Gewinner einer verteuerten Pkw- und Lkw-Mobilität wäre die Bahn. Sie könnte preislich attraktiver werden, sie könnte aber den gewonnen Preisspielraum aber auch nutzen, um endlich und auf Dauer finanziell eigenständig zu werden - notwendige und hinreichende Bedingung nicht zuletzt einer Privatisierung, wie der scheidende Vorstandsvorsitzende, Heinz Dürr, sie anstrebt. Eine Bahn, den Leistungszwängen des Wettbewerbs ausgesetzt, aber auch in der Lage, die Möglichkeiten eigenverantwortlicher Unternehmensführung zu nutzen - das wäre ein Stück Verkehrswende ohne den Griff in die Mottenkiste des Dirigismus. Für den Fernverkehr scheint ein solches Vorgehen den fruchtbarsten Lösungsansatz darzustellen. Für den Personennahverkehr, um damit meine Ausführungen zu schließen, wird das nicht reichen, aber da hat immerhin die Regionalisierung - finanziell vom Bund recht großzügig begleitet - einen Ideenwettbewerb eingeläutet. Für Freiburg und Umgebung möge in dem Zusammenhang das Stichwort Breisgau-S- Bahn zeigen, was erwartet werden kann.
 

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Letzte Änderung: 19. August 1997