B31 NEU - VERKEHRSWENDE
Sommersemester 1997
Eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Pädagogischen
Hochschule Freiburg
Zerräderte Menschen - geräderte Natur
Prof. Dr. Arnold Köpcke-Duttler
Räderwerk. Vor kurzem hat Pax Christi Internationalis eine Plattform
mit dem Titel "Ökologie und Friede" veröffentlicht. Christian
Wilhelm führt hier nicht allein an, in welchem Ausmaß der Verkehr
am Energieverbrauch und an der Emission von Luftschadstoffen beteiligt
ist. Er übergeht auch nicht, daß das Automobil in den Ländern
des materiellen Reichtums keineswegs allein "Mobilitätsinstrument"
ist, sondern auch ein Statussymbol. Gemäß einem statistischen
Blick wende jeder Deutsche pro Jahr ca. DM 7.000 auf, ein Auto zu unterhalten.
Dies entspreche dem Mindestjahreseinkommen von 30 Tanzaniern 1. Hermann
Knoflacher, ein Stadt- und Verkehrsplaner, kritisiert die mechanische Zurichtung
des Menschen zum Bestandteil des Automobils. "Die Planer, die Politiker
und auch die Gesetzgebung sind zu Gefangenen des Autos geworden und haben
Verkehrsstrukturen errichtet, die die Bevölkerung zu physischen Gefangenen
dieses Verkehrsmittels gemacht haben."2 Der Mensch, dem Anspruch nach Herrscher
über Natur und Technik, wurde und wird zumindest im Straßenverkehrssystem
degradiert zu einem abhängigen Teilchen. Der motorisierte Kraftfahrzeugverkehr
erzeugt in der Bundesrepublik Deutschland eine ungeheure Menge an Schadstoffen;
er stellt das Modell eines ungehemmten Landverbrauches dar. Die herkömmliche
Verkehrspolitik läßt lieber Menschen sterben, anstatt zu wirksamen
Sicherheitsmaßnahmen zu greifen. Mit der zunehmenden Motorisierung
entwickelte sich ein Zwang zu einer gesteigerten Mobilität; ein Mobilitätsglaube
behauptet den Zusammenhang von Mobilität und Autobesitz. Mobilität
wird autobezogen definiert; anders gesagt: Die Freiheit der örtlichen
Fortbewegung soll aus der Abhängigkeit vom Auto entstehen. In dieser
paradoxen Situation nimmt der Automobilist für seine Fahrt mit dem
Auto Lärmbelästigung, Sicherheitsrisiken, schlechte Luft und
erschreckende Todesraten in Kauf. Das Auto diktiert dem Menschen, wie das
Verkehrssystem aussehen muß; es reduziert ihn zu einem Teil eines
Räderwerks, indem Menschlichkeit und Vernunft immer mehr auf der Strecke
bleiben. Damit wird die Gefahr immer größer, daß Natur
und Umwelt, die Lebensgrundlage des Menschen, mit ihm zugrundegehen. Ein
Autofahrer nimmt 100 bis 300 Menschen die Luft weg und gibt sie vergiftet
an die Umwelt ab. Eine Stunde Autofahrt auf einer Autobahn mit einer Geschwindigkeit
von 130 km/h verbraucht ebensoviel Luft, wie ein Mensch in 10 Tagen zum
Atmen benötigt. Schon darin zeigt sich das Zerstörerische des
Verkehrssystems. Heute bedeutet die Freiheit von den Mobilitätszwängen
die Freiheit von dem Überrolltwerden durch den Autoverkehr. Die "Freiheit
vom Zwang zum Autofahren" (Knoflacher) verlangt einen Abbruch der an das
Automobil gefesselten Verkehrspolitik, die Überwindung der automobilen
Gesellschaft. Es geht um eine menschlichen Freiheit der Selbstbewegung,
um eine Freiheit außerhalb des Räderwerks Verkehrssystem. In
der Absicht, den Zwang zum Autofahren zu durchbrechen, wendet sich Knoflacher
dagegen, innerhalb des Verkehrswesens den Mobilitätsbegriff mit der
Auto-Mobilität gleichzusetzen. Über Jahrtausende sei der Zwang
zur Mobilität eher ein Ausdruck von Not, Bedrohung, Außenseitertum
gewesen; heute erwarten von ihr manche die Erfüllung eines Wunschtraums
der Menschheit. Diese "Umkehrung der Werte" (Knoflacher) brachte wiederum
mit sich Massenquartiere, Massenverelendung, Massenkonsum später von
Gütern, Landschaft, Lebensgrundlagen bis zur Massenisolierung im Auto.
Der dumpfen "Lenkradperspektive" entgeht, daß das Auto nicht selbst
fahren kann, kein Auto-Mobil ist, vielmehr eine Maschine auf Rädern,
entgleitet, daß der Mensch ein Zweibeiner ist, seine Hände für
andere Aktivitäten als die Fortbewegung verliert, daß Pferd
und Mensch automobiler sein können zumindest als die Fahrmaschine.
Der Planer hofft darauf, daß die Formen der physischen Mobilität
gestaltbar werden. Er prüft, ob die heutige Form der Mobilität
beeinflußbar ist oder eine Art "Gesetzmäßigkeit" darstellt.
Bei dieser Gelegenheit warnt er vor den Dogmatikern des Verkehrswesen:
"Dogmatiker des Verkehrswesens und des Städtebaus glauben in fatalistischer
Weise an unabwendbare Gesetze, an das Überrolltwerdenmüssen durch
den Autoverkehr und leben in einer Art Angst vor dem Rückfall in die
sogenannte Steinzeit, wenn dem ungehemmten Bedürfnis nach Automobilität
nicht um jeden Preis entsprochen wird."3 In einer technokratischen Sprache
sprechen andere Ingenieure und Stadtbaudirektoren, wesentlicher Teil der
Zukunftsbewältigung (als ließe sie sich bewältigen) unserer
Städte sei die Verkehrspolitik. Wenn auch der ungebremste Autoverkehr
das urbane Leben in der Stadt ersticke, so lasse das Auto sich nicht daraus
verbannen. Radikale Lösungen einer autofreien Stadt werden als Illusionen
unserer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft abgetan. In diesem Sinn
bestimmte Norbert Göbel als Ziel der Freiburger Stadtpolitik, den
Gebrauch des Kraftfahrzeugs in der Stadt auf ein ökologisch verantwortbares
Maß zu reduzieren 4. Im Rahmen eines integrierten umweltorientierten
Gesamtverkehrskonzepts wurde eine in topographisch beengter Lage durch
das Stadtgebiet führende 4- spurige Bundesstraße geplant, die
die Freiburger Wohnquartiere im Osten der Stadt beruhigen sollte: Verkehrsverlagerung
nur ? In dichterischer Sprache heißt es vorausahnend schon vor langen
Jahrzehnten, daß elektrische Bahnen läutend durch meine Stube
rasen. "Automobile gehen über mich hin."5 Schon Rainer Maria Rilke
nahm Anstoß daran, daß man kaum die Fassade der Kathedrale
von Paris betrachten konnte ohne Gefahr, von einem der vielen Wagen, die
so schnell wie möglich über den freien Platz dort hinein müssen,
überfahren zu werden. Der Dichter spricht das Anfangen des Räderwerks
aus. Heute hält der Bund Naturschutz erstaunt die Metamorphose des
Autos zu einem Wintergarten mit eigenem Klima und flachen Scheiben fest.
Es ist freilich ein Wintergarten mit Kohlendioxid-Produktion, mit bodennahem
Ozon. Die automobilen Zeitgenossen haben Beschleunigungsgesetze begehrt,
mit denen Planung und Bau von Verkehrsprojekten der deutschen Einheit dem
Tempo der Autos und ihrer Vermehrung angeglichen werden. Fußgänger,
Radfahrer, Nutzer des ÖPNV erscheinen angesichts des Geschwindigkeitswahns
als looser im alltäglichen Mobilitäts-Wettbewerb, deren Raum
immer weiter eingeengt wird. "Kinder können noch keine Autos fahren,
sie kommen unter die Räder. Alte und Arme können sich kein Auto
leisten, für sie muß der verbilligte, der vernachlässigte
Nahverkehr ausreichen."6 Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport
und Verkehr hat schon im Jahr 1992 gefordert, eine Energieverbrauchsabgabe
auf die Primärenergieträger zu erheben oder eine Umweltsteuer
für den motorisierten Individualverkehr bzw. eine Nahverkehrsabgabe
einzuführen als Konsequenz des Verursacherprinzips7. Eine Erhöhung
der Mineralölsteuer bzw. eine allgemeine Energieverbrauchsabgabe erscheinen
allerdings zu vielen noch als politisch mißliebige Ziele in einer
Mobilitäts- Gesellschaft. Die Rechtsprechung der automobilen Gesellschaft
spürt mittlerweile etwas von dem sich über die Menschen hinwegexekutierenden
Räderwerk. Sie soll den um Leib und Leben Bangenden Hoffnung und Hilfe
reichen und verweist doch nur verkümmert auf den Gesetzgeber. In diesem
Sinn hat das Bundesverfassungsgericht beschlossen, der Gesetzgeber habe
seine Pflicht, die Bürger vor Gesundheitsgefahren durch erhöhte
Ozonkonzentrationen zu schützen, nicht verletzt. Nach Artikel 2 Abs.
2 Satz 1 in Verbindung mit Artikel 1 Grundgesetz sei der Staat verpflichtet,
sich schützend und fördernd vor die Rechtsgüter Leben und
körperliche Unversehrtheit zu stellen. Eine Verletzung dieser Schutzpflicht
könne aber nicht festgestellt werden, weil die staatlichen Organe
nicht "gänzlich untätig geblieben" seien und die bisher getroffenen
Maßnahmen nicht "evident unzureichend"8. In einem anderen Beschluß
des Bundesverfassungsgerichts heißt es, es sei verfassungsrechtlich
nicht geboten, die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Kraftfahrzeuge
zu reduzieren. Die bestehenden Vorschriften über die zulässige
Höchstgeschwindigkeit von Fahrzeugen seien nicht evident unzulässig.
Insgesamt seien die vom Gesetz- und Verordnungsgeber getroffenen Maßnahmen
nicht gänzlich ungeeignet oder unzureichend, um die Verkehrssicherheit
zu erhöhen. Vielmehr hätten sie zu einem erheblichen Rückgang
der schweren Unfälle geführt9. Neue Verkehrspolitik Herausfordernd
fragt der Naturphilosoph Klaus Michael Meyer-Abich: " Müßte
nicht einmal darüber gesprochen werden, auf welchem Stand der Kultur
es möglich ist, durch ein Verkehrssystem Jahr für Jahr stillschweigend
Zehntausende von Menschen als Verkehrs-Opfer umzubringen oder zu verstümmeln?
Zur Sprache kommt hier in der Regel allenfalls die Befriedigung, daß
es einmal nicht Zehntausende, sondern nur neuntausend Tote gewesen seien,
oder es wird darauf hingewiesen, wie sicher doch die Atomkraftwerke seien,
weil sie bei weitem nicht so viele Opfer fordern. Werden aber spätere
Zeiten über die kollektive Raserei auf unseren Straßen anders
urteilen als wir über die Hexenverbrennung zu Beginn der Neuzeit?
Sollte darüber nicht wenigstens nachgedacht und gesprochen werden?
Hätte dazu nicht auch die Wissenschaft etwas zu sagen? In welcher
Gemütsart tut sie es nicht?"10.Meyer-Abich fügt an, die Industriegesellschaft
habe die Hälfte der einheimischen Tier- und Pflanzenwelt zum Aussterben
gezwungen; die Verkümmerung unserer Wahrnehmungsfähigkeit, den
Mangel an Erleben hätten die Mitwelten nicht mehr ausgehalten, das
Schwinden der Verantwortung für das Ganze. Dringend geboten ist seit
langem nicht allein die Wende, vielmehr der Bruch hin auf eine menschen-
und umweltverträgliche Verkehrspolitik. Diese verlangt u.a. einen
neuen Gedanken: die Entkoppelung von Mobilität und Geschwindigkeit.
Die zentrale langfristige Aufgabe der Verkehrspolitik besteht darin, den
Autoverkehr erst gar nicht entstehen zu lassen. An dieser Bewältigung
sind Stadtplaner, Raumordnungs- und Siedlungsplaner zu beteiligen. Eine
verkehrsvermeidende Siedlungspolitik, die eine andere Form der Mobilität
schafft, ohne lange Autofahrten zu erzwingen, verlangt u.a.: * Statt das
städtische Umland zu zersiedeln, sollten vorhandene Siedlungsgebiete
verdichtet werden. * Anzustreben ist eine polyzentrische Stadtentwicklung,
ist eine Bedürfnisbefriedigung der Menschen in ihren Stadtteilen.
* Die wohnungsnahe Versorgung soll gefördert werden durch kleinräumige
Strukturen. * Der Freizeitverkehr wird gedrosselt durch wohnungsnahe Freizeit-
und Erholungsmöglichkeiten. * Das Kleingewerbe sollte gestärkt
werden auf Kosten der großen Verbrauchermärkte. Dieter Seifried,
der diese Ziele formuliert, plädiert wie viele andere für den
Ersatz der erzwungenen Mobilität durch eine Strategie der Verkehrsvermeidung.
Im Sinn der Wahrheit und Klarheit der Preise müsse neu entdeckt werden,
daß lange Wege teuer sind. Das Verursacherprinzip gebiete die Verkehrsmittel
mit den Kosten zu belasten, die sie verursachen. Das mittelfristige Ende
der Subventionierung der Verkehrsmittel und der steuerlichen Abzugsfähigkeit
soll auf einer monetären Ebene dahin drängen, erneut die Nähe
zu entdecken, eine andere Form der Mobilität entstehen zu lassen.11
Freilich müssen die Gedanken zur Kritik der Tachokratie und zur Freiheit
durch Gemächlichkeit den Rahmen verkehrspolitischer Entwürfe
überschreiten. Peter Sloterdijk trägt eine Kritik der planetarischen
Mobilmachung als der falschen permanenten Revolution vor; auch für
die Philosophie gelte es, eine Langsamkeit zu entdecken. Vom Menschen entfesselt
sei der neuzeitliche Wettlauf. Das Projekt der Moderne gründe in einer
kinetischen Utopie; die gesamte Weltbewegung sollte die Exekution eines
menschlichen Entwurfs von ihr werden. Die kinetische Realität der
Moderne als Mobilmachung gleitet aber aus sich heraus ab in eine katastrophale
Hetero-Mobilität. Der Wille zur Selbstproduktion der menschlichen
Gattung (Marx) und der Wille zur Macht (Nietzsche) gehören für
Sloterdijk zu jenem kinetischen Nihilismus, der das Seiende als Energiequelle
und Baustelle erfaßt. In drei Vollzugskomplexen wird die Welt für
"automobile System-Subjekte" aufbereitet, verbrauchsfertig gemacht, entwirklicht:
Die große Selbstbewegung zur Mehrbewegung vollzieht sich als Tendenz
zur Motorisierung, zur Tachokratie, als Tendenz zur Ausschaltung der zu
sensiblen, der zu langsamen, zu wahrheitsorientierten Subjektfunktionen,
durch die progressive Tilgung von Entfernungen, Unwägbarkeiten, die
strategische Okkupation des Fremden.12 Die Kritik der politischen Kinetik
sucht nach Übungen der Demobilisierung, nach "Gesten lebendiger Beweglichkeit".
Sie weiß, daß die Selbstbewegungs- und Selbstaktualisierungsmöglichkeiten
in eine unverständliche Zwangsläufigkeit übergehen, eine
"Großzwangsläufigkeit". Eine ihrer Versionen führt nach
Sloterdijk zu einer relativen Beruhigung der Gesamtmobilmachung, die andere
potenziert die Mobilisationen hinein in eine "ökologisch-kinetisches
Inferno". Den Tätern der Mobilmachung, der Selbstermächtigung
werden die Hüter der richtigen Bewegung gegenübergestellt, der
industriellen, szientifischen, politischen und militärischen Mobilmachung,
der Weltbewältigung nicht das sarkastische Verweilen des Bewußtseins
bei der verfehlten Schöpfung, sondern eine Gelassenheit, die das Unheil
des Geschicks nicht affimiert, die "richtige Beweglichkeit", den Mobilmachungs-Nihilismus
eine präventische, geliebte, gelebte Zeit, die "Geburtlichkeit", Poiesis,
Dichtung, ars vivendi, ars nascendi, der Sinn für die Verletztheit,
eine neue Lebensbejahung, eine neue Lebenskunst. Sie hat bereits vor fast
90 Jahren angemahnt Theodor Lessing in seiner "Kampfschrift gegen die Geräusche
unseres Lebens", die sich an den Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens
bewegt13. Lessing proklamierte bereits damals ein Recht auf Ruhe, ein Recht
auf Stille, ein Recht, das wir in keiner Menschenrechtskonvention finden
bislang. Gegenentwurf Der "Fetischist der Mobilität" (Jürgen
Dahl) ist in Wahrheit getrieben von einem die ganze Erde bestimmenden Progressionszwang,
weiter von einem durch den Weltmarkt auferlegten Produktionszwang, der
gekoppelt ist an einen Zwang zu immer neuen Bedürfnissen. Die Mobilität
ist einesteils so erzwungen, anderenteils surrogatorischer Art: Die vermeintliche
Freiheit ist bitter nötig, um Zwänge aller Art vergessen zu machen;
die Mobilität schrumpft zum Trostpflaster.14 Unruhe nimmt den Atem,
läßt den Menschen nicht zu seinem Ursprung gelangen, beraubt
ihn seiner Gesundheit und seiner schöpferischen Einsamkeit. Aus der
Freude des Reisens wird der animierte Tourismus, aus dem Nachsinnen das
flüchtige Blättern in Magazinen und seichten Illustrierten. Längst
hat sich Nietzsches Warnung bewahrheitet, daß man sich jetzt schon
der Ruhe schämt, daß langes Nachsinnen beinahe Gewissensbisse
bereitet.15 Die der Touristik geweihte Welt hat allen Grund, sich des türkischen
Sprichworts zu erinnern, wonach es der Teufel war, der die Eile erfunden
hat. Jürgen Dahl kritisiert die "sonderbare Gier nach Geschwindigkeit
und Beschleunigung", das pausenlose Auseinanderstieben der Menschen, den
durch das Flugzeug ermöglichten Weltverkehr, den "Schußwechsel
in allen Richtungen über Straßen, Länder, Kontinente, Meere."16
Dahl bestimmt als Ziel allen Strebens die Verwirklichung einer Art Telekinese,
der Möglichkeit, daß alle Menschen alle Dinge, alle Informationen
zu jeder Zeit an jedem Ort verfügbar sind, daß es nichts mehr
gibt, was Zeit "verbraucht", keinen Raum mehr, der die Dinge trennt. Der
"Zeitgeist der Beschleunigung" trachte danach, Zeit zu gewinnen. Gerade
in diesem Drang, sie zu gewinnen, kommt sie paradox abhanden: Sie geht
verloren in den Mechanismen des Wettbewerbs, der Verkaufsstrategien. Die
Beschleunigung der Beschleunigung führt auf der Ebene des Individualverkehrs
zu zerstörerischen Folgen, im Weltverkehr in der gesteigerten Mobilität
der Menschen und Waren zur fortschreitenden Vernichtung der Erde, zum Raubbau
an fossilen Brennstoffen. "Die Beschleunigung, mit der man den Verbrauch
der Energieressourcen der Erde vollzieht, verursacht unweigerlich die Demolierung
der Erde; das beginnt damit, daß durch die unvermeidliche Erzeugung
von Kohlendioxid weiträumige klimatische Zusammenhänge fundamental
gestört werden und niemand weiß, was daraus folgt, nur soviel,
daß all unsere Schlauheit, die immer auf Beschleunigung aus war,
in Verzweiflung umschlagen wird, wenn sich erweist, daß es nicht
mehr in unsrer Macht steht, den Zerfall abzuwehren."17 Den Gegenentwurf
zum global-tödlichen Raubbau, zur Verwüstung der Erde, zum "Weltlauf
ins globale Desaster" nennt Johannes Ernst Seiffert die "Übersetzung
der Erde "18. Die Kunst, die Erde zu retten, gehört zu dieser Anstrengung
der Übersetzung. Der Aufbau einer täglichen "Existierkunst" verlangt
u.a. die Fähigkeit, zu Hause zu bleiben. Mit Heidegger ruft er zur
Rettung der Erde auf. "Die Sterblichen wohnen, insofern sie die Erde retten
... Die Erde retten ist mehr, als sie ausnützen ... Das Retten der
Erde meistert die Erde nicht und macht sich die Erde nicht untertan, von
wo nur ein Schritt ist zur schrankenlosen Ausbeutung."19 Das Retten verlangt
nach einem schonenden Wohnen der Sterblichen. Seiffert läßt
sich zugleich von Blaise Pascals Fragment ansprechen; bei der Betrachtung
der vielgestaltigen Unrast der Menschen, ihrer Gefahren und Mühsale
habe er entdeckt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einer
einzigen Ursache komme: Die Kunst, zu Hause zu bleiben, wird der Stubenhockerei
entgegengerichtet; sie muß erst gelernt werden, zum Beispiel über
die europäische Kultur hinausgehend, von Lau-dse: Nicht zur Tür
hinausgehen: Die Welt kennen. Nicht vom Fenster ausspähn: Himmelsweg
sehn. Je weiter rennen, Je weniger kennen. Drum der Heilsame: Nicht rennt
er und kennt, Nicht sieht er und nennt, Wirklos er vollendt.20 In verkehrsrechtlicher
Rücksicht ist heute die "Entdeckung der Langsamkeit" (Nadolny) geboten,
die Zeitknappheit als unbedachte Mode zu enttarnen. Georges Fülgraff
hat in seinen Gedanken zur Entschleunigung und zur Langsamkeit nicht allein
Karl Valentins Entdeckung aufgenommen, daß jeden Tag gerade soviel
passiere, wie in eine Zeitung passe, sondern auch Helmut Qualtingers Lied
über einen Motorradfahrer, der den geringeren Nutzeffekt einer höheren
Geschwindigkeit beschreibt: "Ich weiß zwar nicht, wo ich hin will,
aber dafür bin ich schneller dort." Dieses Paradoxon erinnert an die
von Martin Wagenschein gehörte Antwort eines Kindes, es könne
nicht berichten, wo es die Ferien verbracht habe, es sei dort hingeflogen.
Eine Umkehr zu den Zeitzyklen der Ökologie ist dringend geboten. Widersetzen
wir uns der Forderung der Natur und der Ökologie nach Langsamkeit,
entschleunigen wir nicht das Wirtschaftssystem und uns selbst, entziehen
wir in wenigen Jahrzehnten allem Leben die Grundlage auf dieser Erde. Die
langsame Natur klagt ihr Recht ein, verlangt die Anpassung an ihre Zeitrhythmen.
Von diesem Recht der Natur aus, das nicht zu trennen ist von einem Recht
der Menschen auf Leben und Gesundheit, auf Ruhe, fordert der Gesundheitswissenschaftler
Fülgraff: "Nutzen Sie Ihre kreative Phantasie für eine Theoriebildung
der Entschleunigung anstelle des chaotischen Wachstumsmodells. Ersetzen
Sie Identitätsverlust durch Lebensqualität, durch den Vorrang
des Seins vor dem Haben und ersetzen Sie den Leistungsdruck durch Begrenzung
in beispielgebender Bescheidenheit."21 Mit dem Blick auf den ursprünglichen
Sinn der Schule ruft Seiffert dazu auf, den Bildungsprozeß zu befreien
aus seiner Einbannung in die geregelte Zeit. Schole heißt wörtlich
"einhalten", gebildete Muße. Die menschliche Deutung der Schule fördert
die Befreiung der schöpferischen Kraft aus ihrer Verbannung in die
Arbeitszeit. Schule und Hochschule dürfen nicht länger Abbild
des kapitalistischen Industriebetriebs sein. Dem Unwesen der entfremdeten
Schulzeit, dem entfremdeten Lernen entgegen verlangt Seiffert den Durchbruch
der inneren Zeit zur Sinnerfüllung der Bildungsprozesse zu erheben22,
den "Quell der inneren Zeit" fließen zu lassen. ___________________________
1 Christian Wilhlem: Ökologie und Friede. Leipzig September 1996.
S. 11. (Zu erhalten über den Verfasser, Universität Leipzig -
Institut für Botanik, Johannes-Allee 21, 04103 Leipzig) 2 Herrmann
Knoflacher: Katalysatoren für Nichtmotorisierte. Wien 1985. S. 40.
3 Knoflacher: Zur Harmonie von Stadt und Verkehr. Freiheit vom Zwang zum
Autofahren. Wien u.a. 1993. S. 35. 4 Norbert Göbel: Integriertes umweltorientiertes
Gesamtverkehrskonzept in Freiburg i. Br. In: Siegfried Berendt und Rolf
Kreibich [Hrsg.]: Die Mobilität von morgen. Weinheim, Basel 1994.
S. 101 5 Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge.
In: Werke Band III, 1. Frankfurt 1980. S. 110 6 N.N.: Umwelt geht langsam.
In: Natur und Umwelt, Heft 1/ 1994. S. 20 7 ÖTV, Umweltfreundlich
und stadtverträglich: Umstieg im Nahverkehr. Stutgart 1992. S. 30;
s. Bernhard Stüer: Rechtsprobleme des Straßenrechts. In: Deutsches
Verwaltungsblatt 1992. S. 547 ff. 8 Neue Juristische Wochenschrift. 1996.
S. 651 9 Zeitchrift für Umweltrecht. 1996. S. 84 10 Klaus Michael
Meyer-Abich: Wissenschaft für die Zukunft. 1988. S. 129 11 Dieter
Siegtried: Gute Argumente: Verkehr. 4. Aufl. München 1993. S. 129
12 Peter Sloterdijk: Eurotaoismus. Frankfurt 1989. S. 69 f.; S. Franz Alt:
Die Verkehrswende ist möglich. Szenarien für den Ausstieg aus
der Autogesellschaft. In: Publik-Forum Nr. 5 (11. März 1994). S. 5
f. 13 Theodor Lessing: Der Lärm. Wiesbaden 1908. 14 S. Jürgen
Dahl: Einreden. 1974. 15 Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft.
Nr. 329; zum Reisen als form der Bildung s. Erwin Chargaff: Das Feuer des
Heraklit. 2. Aufl. Stuttgart 1980. S. 196 16 Dahl: Die Eile hat der Teufel
erfunden. In: Scheidewege. 1989/1990. S. 172 17 ebd. S. 181 18 Kassel o.J.
18 Martin Heidegger: Vorträge und Aufsätze. 4. Aufl. Pfullingen
1978. S. 144 20 zit. n. Seiffert: Die Erde übersetzen. a.a.O., S.
23 21 Georges Fülgraff: Entschleunigung. In: Klaus Backhaus/ Holger
Bonus [Hrsg.]: Die Beschleunigungsfalle oder der Triumph der Schildkröte.
Stuttgart 1994. S. 65 22 Seiffert: Pädagogik der Sensitivierung. Lampertheim
1975. S. 105 Arnold Köpcke-Duttler: Zerräderte Menschen - Geräderte
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Letzte Änderung: 19. August 1997