B31 NEU - VERKEHRSWENDE
Sommersemester 1997
Eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Pädagogischen
Hochschule Freiburg
Verkehrung des Verkehrs
Prof. Dr. Ute Guzzoni
Meine Überlegungen zu philosophischen Aspekten des Verkehrs gliedern
sich in einen einleitenden und zwei Hauptteile und dauern gut 50 Minuten.
Zunächst mache ich einige allgemeinere Bemerkungen zum Verkehr und
zu der Schwierigkeit, ihn philosophisch in den Blick zu fassen. Der zweite
Teil geht vom Miteinander-verkehren von Menschen aus und führt von
da zu dem, was wir heute allgemein unter "Verkehr" verstehen. Der dritte
Teil thematisiert dann die "Verkehrung des Verkehrs". I. Zu philosophieren
heißt, Fragen zu stellen hinsichtlich dessen, was ist, Selbstverständlichkeiten
des gewöhnlichen Welt- und Selbstverständnisses aufzubrechen
und dadurch nachdenklich zu machen. Die erste Frage ist dabei bekanntlich
die "was ist Frage". Sie bedeutet nicht, daß nach einer griffigen
Definition zu suchen wäre. Definitionen als solche haben nichts eigentlich
Philosophisches, nichts Nachdenkliches an sich. Vielmehr geht es diesem
Fragen danach, was und wie etwas ist, darum, sich den Bereich vor Augen
zu führen, in den etwas gehört, die Sachzusammenhänge, die
etwas tragen bzw. aus denen es entstanden ist. Ein Weg, sich dem eigenen
Bereich eines Sachverhaltes zu nähern, ist für die Philosophie
seit altersher der Versuch, dem jeweiligen Wort nachzufragen, es in seinen
unterschiedlichen und geschichtlich sich wandelnden Bedeutungszusammenhängen
aufzusuchen. Damit möchte auch ich hier anfangen. Was ist der Verkehr?
Scheinbar wissen wir alle und ohne lange nachdenken zu müssen, was
"Verkehr" heißt, vor allem, wenn wir das Wort in der heute gebräuchlichsten
Bedeutung von "Straßenverkehr" nehmen. Zusammensetzungen wie Verkehrsmittel,
Verkehrsvorschriften, Verkehrsteilnehmer fallen uns ein. Der Verkehr ist
das, was es Menschen und Waren ermöglicht, schnell oder weniger schnell
von einem Ort zum anderen zu kommen. Das Trübner'sche Wörterbuch
spricht vom "Hinundhergehen und -fahren in der Öffentlichkeit" als
der ersten Bedeutung von Verkehr. Oftmals liegt eine gewisse Passivität
darin: Im dtv-Lexikon heißt es, Verkehr sei die "Beförderung
von Personen, Gütern und Nachrichten unter Benutzung besonderer technischer
und organisatorischer Einrichtungen", d.h. hier wird mit dem Verkehr nicht
die selbständige Bewegung, sondern die Beförderung durch Verkehrsmittel,
also ein Bewegtwerden assoziiert. Dem entspricht, daß der Verkehr
oftmals etwas merkwürdig Unpersönliches an sich hat: wir machen
nicht und noch weniger sind wir Verkehr, höchstens sind wir Teilnehmer
an ihm. Er selbst ist eine Struktur, ein System, ein eigenständiges
"Wesen", eben das Verkehrswesen, das heute das gesamte öffentliche
Leben durchzieht und bestimmt. "Verkehr" kommt von verkehren. "Verkehren"
selbst hat zwei Bedeutungen. Auch wenn wir die zweite, nämlich "umkehren,
in die andere, entgegengesetzte Richtung kehren" zunächst beiseitelassen,
geht schon die erste Bedeutung, "sich zu etwas hinkehren" in zwei unterschiedliche
Richtungen: verkehren als Handel treiben und verkehren als miteinander
umgehen. Es scheint, daß der zeitlich erste Gebrauch von "verkehren"
der "kaufmännische" war; der Verkehr war dementsprechend zunächst
der Handel und der Vertrieb und Absatz von Waren. Das Grimmsche Wörterbuch
erläutert z.B. das Wort "Verkehrsverhältnis" mit "Handelszustand".
Gebräuchlicher als die auf den Warenaustausch bezogene ist zunächst
jedoch die andere Bedeutung jenes "sich zu etwas hinkehrens", also das
"in Verbindung stehen" mit jemand oder etwas. Menschen verkehren miteinander,
das heißt, sie stehen in Verbindung zueinander, gehen miteinander
um. Das kann geschehen, indem sie sich leibhaftig hin und her bewegen,
vom einen zum anderen gehen und umgekehrt, oder so, daß sie sich
gegenseitig etwas zukommen lassen, Botschaften, Geschenke, oder auch nur
Gedanken, - und eben auch Waren, womit die vorherige Bedeutung wieder eingeholt
wäre. Der Verkehr reicht dann vom öffentlichen Verkehr als einer
gesellschaftlichen Institution über den privaten Umgang, z.B. im Brief-
und Besuchsverkehr, bis hin zum intimsten, dem Geschlechtsverkehr. Obgleich
es die Sache "Verkehr" im weiten Sinne immer schon irgendwie gegeben hat,
seit Menschen überhaupt etwas miteinander zu tun haben und d.h. seit
es Menschen gibt, ist das Wort "Verkehr" relativ jung. In dem entsprechenden
Artikel des Grimmschen Wörterbuches kommt die uns heute geläufigste
Bedeutung von Verkehr überhaupt nicht vor. Gleichwohl hat schon 1891
Kaiser Wilhelm II., als er dem damaligen Staatssekretär des Reichspostamts
zum 60. Geburtstag sein Bild schenkte, die Unterschrift darunter gesetzt:
"Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs."
(Büchmann, 592) Wenn wir heute im Alltag einfachhin vom Verkehr sprechen,
so meinen wir wohl zumeist den Autoverkehr bzw., etwas allgemeiner, den
Straßenverkehr. Wir denken an das Hinundherfahren von Fahrzeugen,
das Ganze der durch Verkehrs-Mittel ermöglichten Bewegungen von einem
Ort zum anderen, und zwar eben vor allem, insofern es sich auf Straßen
vollzieht. (Luftverkehr z.B. und Schienenverkehr sind zumeist erst in zweiter
Linie gemeint, wenn wir einfachhin von "Verkehr" sprechen.) Zugleich allerdings
assoziieren wir heute unmittelbar auch die mannigfachen Probleme, die der
Straßenverkehr verursacht, also Gestank, Luftverschmutzung, Stau,
Lärm, sterbende Bäume usw. "Verkehren" hat, wie gesagt, auch
eine andere Grundbedeutung, die z.B. auch in dem Adjektiv "verkehrt" liegt,
und die an dieser Stelle wenigstens kurz schon berührt werden soll:
verkehren nämlich im Sinne von etwas verdrehen und umkehren, den Sinn
verändern, etwas in sein Gegenteil verkehren. Das "Verkehrte" hat
oft, wenn auch keineswegs immer, den Sinn des Falschen, ins Unrichtige
Umgewendeten. Kehren bedeutet ursprünglich wenden, aber auch ganz
allgemein "jede Bewegung jeder Art und Richtung", das Kommen und Gehen,
insbesondere das Wieder- und Zurückkommen; verkehren heißt dementsprechend
um-wenden, in die andere Richtung wenden. So wie "bekehren" in die richtige
Richtung wenden meint, heißt dann "verkehren" in die falsche, eben
verkehrte Richtung bringen. In meinem Titel "Verkehrung des Verkehrs" ist
Verkehrung ersichtlich in diesem Sinne verstanden. Doch damit genug der
Wortbedeutungen und des Wortgebrauchs. Welche philosophischen Betrachtungen
legt das nahe, was ich da über den Verkehr und das Verkehren in Erinnerung
gerufen habe? Wie können wir philosophierend mit dem angedeuteten
Wort- und Begriffsmaterial umgehen? Auffällig ist, daß wir hier
in der Fachliteratur kaum Hilfe finden. Es gibt den Verkehr, um den es
in dieser Vortragsreihe geht, gar nicht als philosophischen Begriff oder
philosophisches Problem, selbst in unserem Jahrhundert nicht. Für
die Tradition des westlichen Denkens ist der Verkehr eher ein Un-Ding.
Zunächst bereiten solche Sachen wie der Verkehr dem ontologischen
Ansatz darum erhebliche Schwierigkeiten, weil ein "Wesen" wie das Verkehrswesen
im Grunde gar kein Wesen ist, keine Substanz, kein selbständiges Ding,
nämlich kein selbständig und dinghaft Vorkommendes. Im Sinne
der abendländischen Philosophietradition ist der Verkehr zudem insofern
ein "Unding", als er per definitionem etwas Unwesentliches ist. Wesenhaft
war für diese Tradition das Bleibende, Unvergängliche und Unveränderliche,
das, was dem endlichen und sterblichen Seienden eine gewisse Ständigkeit
und Allgemeinheit zu verleihen vermochte. Der Verkehr aber ist nichts Ständiges.
Er ist zwar für die Zwecke der Selbsterhaltung so notwendig wie Nahrungsmittelbeschaffung
und Kleidung, gleichwohl gehört er mit diesen zusammen in den Bereich
des bloß Empirischen, einmal so und einmal anders Seienden. Sowohl
der private wie der öffentliche Verkehr der Menschen miteinander bedeutet
etwas an ihm selbst Flüchtiges, Vorübergehendes. Auch in den
Betrachtungen der praktischen Philosophie, die sich mit dem menschlichen
Miteinanderverkehren beschäftigen, spielt der Aspekt des Verkehrs
im engeren Sinne keine besondere Rolle. Hegel kommt in seiner philosophischen
Untersuchung der Bürgerlichen Gesellschaft zwar einmal auf den Verkehr
zu sprechen; er nennt ihn ein "den Vertrag einführendes rechtliches
Verhältnis". Aber darauf, was der Verkehr eigentlich ist, geht auch
er nicht ein. Die Intention des zeitgenössischen Philosophierens hat
sich allerdings gegenüber dem metaphysischen Anspruch tiefgehend gewandelt.
Wir fragen nicht mehr so sehr nach den bleibenden Prinzipien und Seinsgesetzen,
sondern gehen eher von der Endlichkeit des menschlichen Erfahrens und Sprechens
aus und richten unseren Blick auf die Grundbezüge des Menschen in
der Welt. Dabei kommen auch Phänomene wie z.B. Mobilität und
Bewegung, Geschwindigkeit und "rasender Stillstand" (Paul Virilio) in den
Blick, es ist die Rede (bei Peter Strasser) von einer "nomadisierenden
Sensibilität" oder einer "Kultur der Mobilität". Weitgehend fehlen
jedoch noch die Kategorien und Begriffe, deren wir bedürften, wenn
wir nicht im Beliebigen oder in einem bloß geistreichen Beschreiben
hängen bleiben, vielmehr die Grundzüge von so etwas wie "Verkehr"
philosophierend auf den Begriff bringen wollen. Ich möchte im Folgenden
die Aufmerksamkeit auf einen, wie ich meine, entscheidenden Aspekt des
modernen Verkehrs richten, nämlich auf sein Verhältnis zu dem
unmittelbaren Miteinander-verkehren der Menschen. Genauer will ich ihn
als eine Verkehrung dieses Miteinander-verkehrens aufzeigen. Doch dafür
ist zunächst zu fragen, was es überhaupt besagt, daß Menschen
miteinander verkehren. Im Letzten wäre damit allerdings nach der Bedeutung
der Gesellschaftlichkeit und der Geselligkeit der Menschen gefragt; so
allgemein ist das hier nicht zu behandeln. Mit dem Folgenden ist auch keine
historische, logische oder ontologische Ableitung des modernen Verkehrs
aus dem allgemeinen zwischenmenschlichen Verkehr intendiert. Ich werde
lediglich einen Gedankenweg von dem einen zu dem anderen gehen, um damit
eine charakteristische Seite des heutigen Verkehrs, eben seine Verkehrung
aufzuzeigen. II. Wenn wir davon sprechen, daß Menschen miteinander
verkehren, so liegt darin sowohl, daß sie je Einzelne, wie, daß
sie aufeinander Bezogene sind, daß sie einander als je Einzelne sowohl
fern wie zugleich auch nah sind. Ich möchte das zunächst im Ausgang
von einem japanischen Kurzgedicht, einem Haiku, verdeutlichen. "Irgendeiner
kam / und besuchte irgendwen - / Abendlicher Herbst" (Buson). Jemand geht
zu irgendwem; er kommt irgendwoher und geht irgendwohin. Wo er geht, ist
nicht gesagt, der Raum wird nicht genannt. Es sei denn, wir nähmen
den abendlichen Herbst, den herbstlichen Abend selbst als den Bereich,
in dem dieses Gehen des Einen zu dem Anderen geschieht. Zugleich spinnt
jedoch das Gehen selbst eine räumliche Verbindung zwischen dem Einem,
der irgendwoher kam, und dem Anderen, der irgendwo ist, vielleicht wartet
und erwartet, vielleicht ruhig bei sich, in seinem Zuhausesein verharrt.
Irgendeiner kam und besuchte irgendwen. Daß sie überhaupt miteinander
in Verbindung treten, miteinander verkehren können, heißt sowohl,
daß sie jeder für sich sind, wie daß sich ein Raum zwischen
ihnen erstreckt, innerhalb dessen jeder für sich seinen Ort und seine
Bewegung hat. Er ist der Raum, innerhalb dessen, und der Ort, an dem sie
zusammentreffen; so verkehren in einem griechischen Dorf die Männer
im Kafeneion, die Frauen am Brunnen oder beim Kaufmann miteinander. Der
abendliche Raum, den der Eine zum Anderen hin durchgeht, ist zugleich der
Zwischenraum zwischen dem Einen und dem Anderen, der beide auseinanderhält
bzw. besser, der zum einen die Möglichkeit und die Wirklichkeit ihres
Getrennt- und Jefürsichseins offenhält, wie er zugleich damit
die Möglichkeit ihres Zusammenkommens bietet. Das aber besagt auch,
daß dieser Raum ein Raum für die Bahnen und Wege ist, die sie
zueinander zurücklegen können. Zurück-legen - das heißt,
sie können sie in ihrem Rücken lassen, sich von dem je eigenen
Ort fortbewegen in der Richtung zum Anderen hin, wobei sie jedoch ihren
eigenen Ort zugleich auch mitnehmen. Und, von der Seite des je Anderen
her gesehen: sie können den Kommenden erwarten, aufnehmen, mit ihm
verkehren, indem sie ihn bei sich empfangen. Irgendeiner kam - und besuchte
irgendwen. In dem zweimaligen "irgend" der deutschen Übersetzung liegt
eine Unbestimmtheit, die, so scheint mir, wiederum den offenen Raum anzeigt,
der das Kommen und Gehen, das Herkommen von und Hingehen zu, die geschenkte
und angenommene Anwesenheit des Einen bei dem Anderen trägt. Daß
Menschen miteinander verkehren, ist ein Geschehen, das sie in eine Nähe
zusammenbringt und doch zugleich auch in ihrer Ferne auseinanderhält,
das ihre Zweiheit betont und sie doch zugleich überbrücken und
zu der Einheit eines Zusammen, eines Miteinander als eines Mit-einem-Anderen-
seins werden lassen kann. Im übrigen sagen wir nicht nur von Einzelnen,
sondern auch von Familien, Städten und Staaten, daß sie miteinander
verkehren, was aber das selbe Verhältnis von Einzelheit und Zusammenkommen
impliziert. Der Verkehrs-Raum ist ein Raum der Bewegung. Im Miteinander-verkehren
ist jeweils eine Bewegung des Zusammenkommens durch einen - sei es sinnlichen,
sei es geistigen - Raum gemeint, die den Einen, oder zumindest etwas von
dem Einen zu dem Anderen bringt und umgekehrt. Dieses "und umgekehrt" ist
wesentlich. Ein Verkehr findet erst statt, wo es eine Gegenseitigkeit oder
doch die Möglichkeit einer Gegenseitigkeit gibt. Miteinander zu verkehren
bedeutet einen Austausch, - des Seins bei, der Empfindungen, der Worte,
der Waren. Der Verkehrs-Raum in diesem Sinne ist ein Raum des Hin und Her,
er ist jeweils offen in beiden bzw. in mehreren Richtungen. (Gleichwohl
kann es in ihm auch Ungleichgewichtigkeiten, ein Gefälle der Macht,
der Autorität, der Kompetenz, des Gefühls usw. ) Der Verkehr
impliziert, daß jemand sich von einem Ort zum anderen bewegt, d.h.
daß er seinen Platz zumindest zeitweilig verläßt, um sich
an den des Anderen zu begeben, bzw. daß er mit jenem an einen gemeinsamen
Platz zusammenkommt. Der Platz des Anderen ist für das Miteinander-verkehren
nicht allein als das Wohin der Bewegung bedeutsam, sondern auch als das
Wovonher des Erwiderns, vielleicht des Entgegenkommens des Anderen. Die
Bewegung des Einen zum Anderen ist keine einseitig gerichtete, sie bestimmt
sich von ihren beiden Enden her. Sie ist kein einzelnes Geschehen, sondern
ein Beziehungsgeflecht des wechselseitigen Einanderangehens. Die da miteinander
verkehren, führen, so könnte man in gewissem Sinne sagen, miteinander
eine sie umgreifende, sie gemeinsam einbehaltende Bewegung aus, die sich
gleichwohl erst durch ihr jeweiliges Sich-verhalten zueinander entspinnt.
Im engeren Sinne ist dies übrigens immer ein freundschaftlicher Verkehr.
Feinde verkehren nicht miteinander, auch wenn sie sich noch so nahekommen.
All diese Bestimmungen - das Zugleich von Einzelnheit und Zusammengehörigkeit,
die Betonung des Raumes, der Bewegung, der Gegenseitigkeit - scheinen Selbstverständlichkeiten
zu sein. Und doch macht es einen wichtigen Unterschied für das prinzipielle
In-der-Welt-sein des Menschen, ob er sich als einen versteht, der wesentlich
und als er selbst bei sich selbst ist, und dann lediglich von sich aus
Bewegungen zu Anderen hin vollzieht, oder ob er sich immer schon in einem
Raum der gegenseitigen Bezogenheit, des Sich-hin-und-herbewegens zwischen
dem Einen und dem Anderen weiß, der gleichwohl die grundsätzliche
Differenz nicht verleugnet, die zwischen seinem Ort und dem des Anderen
besteht, die Differenz von Nähe und Ferne. Das Miteinander-verkehren
der Menschen in diesem Sinne wichtig zu nehmen, heißt, weder der
Ideologie der prinzipiellen Individualität noch der einer prinzipiellen
Kollektivität des Menschseins anzuhängen. Der Verkehrs-Raum ist
nach dem Gesagten nicht einfach ein Bereich mit einer bestimmten Ausdehnung,
innerhalb dessen zwei Raumpunkte bzw. Rauminhalte in einer bestimmten meßbaren
Beziehung zueinander stehen. Heidegger hat die Besonderheit des menschlichen
Im-Raum-seins darin gesehen, daß die Menschen keine in sich abgekapselten
Raumdinge sind, die erst sekundär Strecken und Abstände wahrnehmen,
messen und eventuell auch "hinter sich bringen"; menschliches In-der-Welt-sein
ist vielmehr ursprünglich räumlich und einräumend, was besagt,
daß es sich immer schon in der Weise auf "außer" ihm Seiendes
bezieht, daß es, wie Heidegger zeigt, den Raum "durchsteht", der
zwischen ihm und den Dingen liegt. So sagt er im Zusammenhang der Frage
nach dem räumlichen Verhältnis des Menschen zu einer entfernten
Brücke, es gehöre "zum Wesen unseres Denkens an die genannte
Brücke, daß dieses Denken in sich die Ferne zu diesem Ort durchsteht."
(BWD, 157) Dieser Gedanke läßt sich in unserem Kontext noch
einen Schritt weiter verfolgen. Wenn, wie hier, das, worauf der Mensch
sich bezieht, nicht ein Ding, sondern selbst ein Mensch, also selbst ein
seinen Umraum durchstehendes Wesen ist, dann bekommt jenes "Durchstehen"
noch eine andere Bedeutung, der Raum, in dem das Sich-aufeinander-Beziehen
geschieht, erhält eine neue Relevanz und Dichte. Die Nähe und
die Ferne des Anderen scheinen ineinander, wenn sie sich gegenseitig entgegenkommen
und verschränken. Die sich in der Beziehung erhaltende und sie zuvor
schon allererst ermöglichende Besonderheit eines jeden von ihnen ist
dann zugleich als die gewahrte Besonderheit des je Anderen, als seine Fremdheit
und sein Fernsein ernstzunehmen. Miteinander zu verkehren heißt dann,
die Spannung, die in der Bewegung des gegenseitigen Zueinanderkommens und
gleichzeitigen Anders- und Fremdbleibens liegt, miteinander auszutragen
und offenzuhalten. Der Mensch durchsteht den Raum zwischen ihm und dem
Anderen zum einen, indem er ihn durchgeht, indem er sich "im Raum" von
seinem Ort zu dem des Anderen hinbewegt, zum anderen aber - und das ist
es, was für Heidegger im Vordergrund steht - indem er sich in seinem
Denken auf den Anderen, räumlich Entfernten bezieht; auch dies ist
eine Bewegung zum Anderen hin, die zugleich auch immer schon vom Anderen
herkommt. In beiden Fällen kann sich diese Bewegung zum Anderen im
wörtlichen Sinne re-alisieren, also in gewisser Weise dingliche Gestalt
annehmen; oder anders gesagt, es kann sich eines Verkehrs-Mittels bedienen.
Im nicht leibhaften Verkehr der Menschen untereinander ist das Verkehrsmittel
die Sprache. Ihr übergeben wir unsere Gedanken, Wünsche und Absichten,
damit sie sie hinüberträgt zu den Anderen. Und in ihr vermögen
wir auf die Anderen zu hören, ihre Fragen und ihre Antworten, ihre
Erzählungen und ihre Informationen zu vernehmen. Im Hin und Her des
Sprechens vollzieht sich der geläufigste Verkehr der Menschen untereinander
- knapp oder langatmig, sachlich-nüchtern oder in epischer Breite,
offen oder in Andeutungen, im intimen oder im öffentlichen Austausch.
Auch im Sprechen durchstehen wir unseren Verkehrs- Raum. Aber zugleich
durchgehen wir diesen Raum auch, wir bewegen uns leibhaftig zum Anderen
- "irgendwer kommt und besucht irgendwen". Zur leibhaften Bewegung durch
unseren Verkehrsraum gehören zwei Momente, die beide die Möglichkeit
oder sogar Tendenz zu einer gewissen Loslösung vom Menschen aufweisen,
die wir später in der Verselbständigung des modernen Verkehrs
näher betrachten werden: die Herausbildung von eigenen Verkehrswegen
und von Verkehrsmitteln. Das natürliche, d.h. uns mit unserer Leiblichkeit
unmittelbar gegebene Verkehrs-Mittel sind - pars pro toto - unsere Füße;
wir gehen zu Fuß. Sind aber die Zwischenräume zwischen dem Einen
und dem Anderen größer, gilt es weitere Strecken in kürzerer
Zeit zurückzulegen, so gebraucht man dingliche Mittel, um zum Andern
zu kommen, das Reittier, das Schiff, nach der Erfindung des Rades den Wagen,
das Auto, das Fahrrad usw. Jeweils benutzt man Dinge (bzw. Tiere), um den
Weg zum Anderen zu durchgehen bzw. dann zu durchfahren. Diese Fahr-zeuge
als Verkehrs-mittel bedeuten gewöhnlich eine neue, erhöhte Geschwindigkeit
gegenüber der dem Menschen leibhaft möglichen. Die Verkehrsmittel
beschleunigen den Verkehr und geben ihm damit eine neue Dimension. Das
Fahrzeug läßt den Fahrenden, den sich Bewegenden selbst unbewegt,
das Mittel übernimmt die Bewegung im Verkehr der Menschen miteinander,
auch wenn sie zunächst noch durchaus vom Menschen in Gang gebrachte
Mittel sind, die seinem Willen und Planen entsprechen, seine Bemühungen
und Energien in Bewegung und Geschwindigkeit umsetzen. Doch indem er sich
ihnen überläßt, willigt er in eine gewisse Passivität
ein, er wird bewegt, mit allen Vorteilen, aber auch Risiken, die das mit
sich bringt, wie dem Risiko der realen Entmachtung des einzelnen Verkehrsteilnehmers,
die wir im modernen Verkehrsgetriebe zu konstatieren haben. Mit der Ausbildung
eigener Verkehrs-Mittel bekommen auch die Verkehrs-Wege eine eigene Bestimmtheit,
sie werden zu mehr oder weniger fixierten Bahnen, zu Schiffsrouten, Schienensträngen,
Flugschneisen. Der Verkehr braucht Wege, Straßen, Brücken. Sie
stellen so etwas wie Kanalisierungen, Fixierungen der Bewegungsbahnen dar,
die den Einen zum Anderen oder beide zusammenbringen. Aus großer
Höhe, aus dem Flugzeug gesehen erscheinen gerade die großen
Landflächen von Verkehrsadern ähnlich wie von Wasseradern durchzogen
und gegliedert. Die Verkehrswege werden zu einem dinglichen Gerüst
und Träger des Miteinander-verkehrens, sie scheinen von sich aus zur
Realisierung des Verkehrs herauszufordern. (Ich will nicht behaupten, daß
die Verkehrsmittel, Verkehrswege usw. eindeutig für den Verkehr der
Menschen miteinander erfunden bzw. entstanden seien. Es gibt auch Fahrten
ins Ungewisse, es gibt Eroberungs- oder Entdeckungszüge, Flucht- und
Wanderungsbewegungen, die nicht dem unmittelbaren Verkehr der Menschen
untereinander dienen. Aber es geht hier nicht um eine Ausschließlichkeit
der Bestimmungen. Im Folgenden lasse ich weiterhin den nicht-zwischenmenschlichen
Verkehr beiseite.) Neben der Bedeutung der sich verfestigenden Verkehrsmittel
und -wege ist noch ein weiteres Moment der Sach-Bezogenheit und dinglichen
Fixierung des Verkehrs aufzuzeigen, nämlich, daß die Menschen
nicht nur selbst, in persona, sondern auch in der Weise miteinander verkehren,
daß sie Sachen untereinander austauschen. "Und es bieten tauschend
die Menschen / Die Händ' einander"sagt Hölderlin (Die Titanen),
und anderswo spricht er vom "fernhinsinnenden Kaufmann", der "die guten
Gaben der Erd ausglich und Fernes Nahem vereinte" (Der Archipelagos). Nicht
nur Gedanken, Gefühle, Gesten gehen zwischen den Menschen hin und
her, sondern auch Gaben und Waren. Sie tauschen und handeln miteinander,
sie bringen Eigenes in die Ferne und holen Fernes in die Nähe. Die
großen Verkehrsstraßen sind seit alters die Handelsstraßen,
- wie die Seidenstraße, die Ostasien mit dem vorderen Orient verband,
die Karawanenstraßen durch die Wüsten, die Handelswege der Hanse.
Das Mittelmeer war schon früh ein ausgedehntes Verkehrsnetz von Schiffsrouten
im Handelsverkehr. Bestehende Beziehungen zwischen Einzelnen und Staaten
werden durch den Austausch von Waren vertieft und gefestigt, und neue Beziehungen
werden gegründet, um ihn möglich zu machen. Mit zunehmender Zivilisation
gewinnt der Warenverkehr immer größere Bedeutung. Die Ausbildung
von Verkehrsmitteln und -wegen insbesondere für den Handel und Warenverkehr
führt, wie gesagt, dazu, daß die Verbindungen eine zunehmende
Selbständigkeit gewinnen. Ich weiß nicht, ob Gottfried Benn
dieses Phänomen im Auge hatte, aber man kann es in diesem Sinne lesen,
wenn er in der ersten Strophe eines Gedichtes zunächst eine frühere
Aussage wieder aufnimmt: "Leben ist Brückenschlagen über Ströme,
die vergehn", dann aber in der dritten Strophe fragt: "Dann, wenn die Brücken
tragen, die Ströme - wo?" Der Verkehr, der einerseits ein Verhältnis
von Nähe und Ferne, Aufnahme der Verbindung von einem Hier zu einem
Dort und eben darin von einem Dort zu einem Hier ist, wird andererseits
zu so etwas wie einem für sich bestehenden Netz, dessen Knotenpunkte
die miteinander Verkehrenden zu sein scheinen. Der Raum, den er überbrückt,
kann gegenüber den sich verfestigenden Bahnen zurücktreten, unsichtbar
werden, das Land und die Ströme, die überbrückt werden,
werden irrelevant. Insbesondere aber - auch wenn ich auf dieses Moment
hier nicht näher eingehe - ist es die Ausbreitung der Produktion,
die Industrie (was ursprünglich einmal Fleiß hieß), die
dem Verkehr im Ganzen eine größere Bedeutung zukommen läßt
und ihn in die Verselbständigung und damit in die Verkehrung treibt,
von der im Folgenden zu handeln sein wird. Hegel - ich kam darauf schon
ganz kurz zu sprechen - schreibt zu Industrie, Erwerbsstreben und Verkehr
(ein etwas längeres Zitat, das diesen zweiten Teil meiner Überlegungen
gut beschließen kann): "Wie für das Prinzip des Familienlebens
die Erde, fester Grund und Boden, Bedingung ist, so ist für die Industrie
das nach außen sie belebende Element, das Meer. In der Sucht des
Erwerbs, dadurch, daß sie ihn der Gefahr aussetzt, erhebt sie sich
zugleich über ihn und versetzt das Festwerden an der Erdscholle und
den begrenzten Kreisen des bürgerlichen Lebens, seine Genüsse
und Begierden mit dem Elemente der Flüssigkeit, der Gefahr und des
Unterganges. So bringt sie ferner durch dies größte Medium der
Verbindung entfernte Länder in die Beziehung des Verkehrs, eines den
Vertrag einführenden rechtlichen Verhältnisses, in welchem Verkehr
sich zugleich das größte Bildungsmittel, und der Handel seine
welthistorische Bedeutung findet." (Philosophie des Rechts, §247)
III. Wenn wir in der zuvor beschriebenen Weise miteinander verkehren, so
verkehren wir miteinander. Auch wenn der Verkehrs-Raum uns gemeinsam umfängt,
ist er doch etwas, das uns zugehört, das wir immer schon durchstehen
und durchgehen, weil wir mit Anderen in der Welt sind. Und auch wenn sich
unsere Verkehrs-Wege verfestigen, so bleiben es doch die Wege, die uns
oder unsere Waren zueinander kommen lassen, weil wir selbst sie auf den
Weg bringen. Der moderne Verkehr hat diese Verhältnisse jedoch weitgehend
umgekehrt. Der Verkehr, seine Wege und Mittel ergeben sich nicht mehr so
sehr durch unsere Bewegungsintentionen und -bedürfnisse. Er ist überhaupt
nichts, was sich ergibt, was sich ausspinnt zwischen zweien oder mehreren,
die zueinander wollen. Er ist vielmehr immer schon da. Er besteht aus Fahrplänen,
Transportkapazitäten, Verkehrsdichten, und wir und unsere vermeintlich
eigenen Belange werden gewissermaßen von ihm mitgerissen oder in
ihn hineingerissen. In dieser oder jener Weise ist jeder gezwungen an ihm
teilzunehmen, aktiv oder passiv, und sei es auch nur durch die ökologischen
Auswirkungen. "Tatsächlich", sagt Paul Virilio, "beherrschen wir nicht
mehr die Bewegungsenergie irgendeines 'Transportmittels'. So wie uns das
Fieber beherrscht, ergreift die Energie intensiv Besitz von uns." (Stillst.,
329) Diese neuzeitliche Umkehrung oder Verkehrung betrifft allerdings nicht
allein den Verkehr, sie ist auch in vielen anderen Verhältnissen zu
verzeichnen, die einmal als Beziehungen der Menschen zu den Dingen oder
insbesondere zueinander entstanden sind, und sich dann fast unbemerkt zu
eigenen selbständigen Größen fortentwickelt haben, - wie
der Staat, die Wirtschaft, aber auch die Hochschule, das Gesundheitswesen,
die Medien, - also all diese merkwürdigen Mächte, die mit ihren
angeblichen Sachzwängen unser heutiges Leben bestimmen. Sie sind zunächst
vom Menschen gemachte Weisen ihres Sich-verhaltens in die Welt und zur
Welt. Aber sie sind ihnen aus den Händen geglitten, sind ihren Erzeugern
über den Kopf gewachsen und haben sich dabei, indem sie von Mitteln
zu Selbstzwecken wurden, umgekehrt, ihre Richtung verändert und sich
in gewissem Sinne gegen ihre Herkunft gewandt. Das, was zunächst vom
Menschen ausging, wirkt nun umgekehrt auf ihn ein, bezieht ihn ein und
bestimmt ihn. Die Abhängigkeiten kehren sich um. Oftmals zeigt sich
das daran, daß die Menschen zum bloßen Material der Institutionen
werden, die sie selbst instituiert haben, - als gezählte Einheiten
im Verkehrsaufkommen, als Wahlvolk oder "Mann auf der Straße" für
die Politik, als Träger des Konsumverhaltens in der Wirtschaft, als
statistische Größen im Bildungs- und Gesundheitswesen. Die verselbständigten
Mächte sind nicht mehr Bewegtes, sondern Selbstbewegendes. "Gerade
so", sagt Ulrich Beck in einem überzeugenden Vergleich, der auf unser
Thema, den Verkehr, zurückführt, "gerade so, als sei bei einem
200-PS-Motor ein Naturgesetz eingebaut, das auf deutschen Autobahnen ohne
menschliches Zutun seine Kraft entfesselt". (Erfindung des Politischen,
165f.) "Als sei ein Naturgesetz eingebaut", - man bezeichnet dieses Phänomen
der sekundären, aber nichtsdestoweniger wirkungsvollen Verselbständigung
von ursprünglich dem Menschen zugehörigen Verhältnissen
und Institutionen als zweite Natur. Wie die Natur selbst erscheint das
solcherart selbständig Gewordene nicht nur als etwas dem Menschen
gegenüber Eigenmächtiges, vielmehr, wie eben gesagt, auch als
ein ihn in vielerlei Hinsicht Bestimmendes, sogar Unterwerfendes. Ohnmächtige
Beschwörungen wie "Du stehst nicht im Stau, du bist der Stau", oder
auch "Kriege brechen nicht aus, sie werden gemacht" - und auch der Verkehr
ist ja oftmals zu einem alltäglichen Krieg aller gegen alle geworden
-, vermögen, für sich genommen, nichts gegen die Eigengesetzlichkeit
jener Mächte. Die Verselbständigung ist - wie u.a. Sloterdijk
zeigt - paradoxerweise eine Folge des neuzeitlichen Versuchs einer absoluten
Selbstermächtigung des Menschen, der sich anschicken wollte, die uneingeschränkte
Herrschaft über die Natur anzutreten. Ich zitiere einige diesbezügliche
Aussagen von Sloterdijk: "Was die geschichtliche Bewegung aus dem Ruder
laufen läßt, ist die Art der geschichtemachenden Bewegung selbst",
sagt Sloterdijk.(Eurotaoismus, 29) Und: "Während dieses böse
Jahrhundert sich seinem Ende nähert, breitet sich die Ahnung aus,
daß die zu machende Geschichte ein Vorwand war. Das entscheidende
Thema der Neuzeit ist die zu machende Natur." (23) Verhängnisvollerweise
scheint dieser Versuch nur allzugut zu gelingen, - das ist die alte Geschichte
vom Zauberlehrling. "Es sind Dinge ins Rollen gekommen ..., die man keinesfalls
vorhergesehen hat und von denen man vernünftigerweise bezweifeln muß,
ob sie je wieder von einem menschlichen Handeln eingefangen und in nichtfatale
Bahnen umgelenkt werden können." (25f.) Und: "Das kinetische Kapital
... kann nicht anders, als die Verhältnisse nach beschleunigten Melodien
tanzen zu machen. Es bringt Güterströme zum Fließen, Flotten
zum Kreuzen, Rolltreppen zum Gleiten, Atmosphären zum Umschlagen,
Faunen zum Verschwinden. Die naiven Zeiten sind vorüber, in denen
Menschen denken durften, daß sie sich bewegen müssen, damit
die Welt vorankommt. Inzwischen ist die Bewegung los, die reine Bewegung."
(29f.) Verkehrung des Verkehrs - der moderne Verkehr hat den Charakter
einer zweiten Natur angenommen. Was besagt das für das Miteinanderverkehren
der Menschen? Zur ersten Verdeutlichung kann an den Begriff "Individualverkehr"
erinnert werden, der vom Wort her scheinbar eben dieses Moment zum Ausdruck
bringt, mit dem ich vorhin begann, daß nämlich je Einzelne in
Verkehr miteinander treten, Verbindung zueinander aufnehmen. Ist jedoch
vom "Individualverkehr" die Rede, so kommt es gerade nicht mehr darauf
an, wer mit wem verkehrt, ob sich und wie sich Einer einem Anderen zuwendet,
wie er ihn besucht und wieder verläßt. Worauf es ankommt, ist,
daß verkehrt wird, - höchstens dann noch darauf, daß vielleicht
besser nicht, nicht so verkehrt werden sollte. Wird der Verkehr zu einer
selbständigen Macht, so erhält der Raum des Miteinanderverkehrens
einen grundsätzlich anderen Charakter; in gewissem Sinne kann man
sagen, daß er seine Relevanz und konkrete Realität verliert.
Er ist jetzt nicht mehr der konkrete umgreifende Bereich, durch den hindurch
sich die Hin-und-Herbewegung zwischen den Menschen und zwischen den von
ihnen auf den Weg gebrachten Dingen vollzieht. Er ist ein Raum ohne Nähe
und Ferne, ohne ausgezeichnete Gegenden und Richtungen. Oder besser: für
ihn sind ausgezeichnete Gegenden und Richtungen die, die seinen immanenten,
berechenbaren Maßstäben und seinen sich rechnenden Mitteln und
Zwecken entsprechen. Diese Maßstäbe und Zwecke sind sogenannte
"überindividuelle", "objektive" Größen, die ihren Ort letztlich
in einer abstrakten Rationalität haben; diese Rationalität übersteigt
wesentlich sowohl die konkreten, und d.h. immer auch besonderen Bedürfnisse
und Interessen der Einzelnen wie auch die dem allgemeinen Verkehr zugehörigen
besonderen Momente, die einzelnen Verkehrswege, Verkehrsmittel oder auch
Verkehrsvorschriften. Der moderne Verkehr ist ein eigenständiges "Wesen",
mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, Entwicklungen, und Sachzwängen,
die von ganz anderem abhängen als von den jeweiligen Bedürfnissen
der Menschen, die sich oder ihre Waren zueinander bringen wollen. Der Verkehr
ist raumübergreifend und gehorcht quantifizierbaren Größen.
Er berechnet sich nach voraussehbaren Warenströmen, nach der alltäglichen
Verkehrsdichte, nach Erschließungsbedürfnissen, Aufnahmekapazitäten,
evtl. noch nach Gefahrenzonen und Unfallhäufigkeit. Innerhalb seiner
bekommen die zu anonymen Verkehrsteilnehmern gewordenen Menschen ihre Relevanz
von der übergeordneten Verkehrsrationalität zugewiesen; zumindest
werden sie und ihr Verhalten von jener her beurteilt bzw. verbucht. Die
Gegenseitigkeit ihrer Bewegungen spielt dabei keine Rolle mehr. Anonymität
heißt Namenlosigkeit. Namenlos ist, was keine ihm allein eigentümliche
Besonderheit hat, nichts, was ihm eine gegenüber Anderem herauszuhebende
und zu benennende Eigenheit gäbe. Diese Nivellierung trifft auch die
Sprache, in der wir vom modernen Verkehr sprechen, und dies paradoxerweise
auch und gerade da, wo einzelnes ihm Zugehöriges wieder so etwas wie
einen Eigennamen zu bekommen scheint, - Transrapid etwa oder B 31 Ost.
Vor allem jedoch läßt sich gerade an der Sprache als einem Verkehrsmittel
die Verselbständigung beispielhaft aufweisen. Indem sie zu einem bloßen
Verkehrsmittel wird, wird sie formelhaft und formal. "Globalisierung" und
"Maastrichtkriterien" etwa sind solche zu bloßen Münzen gewordene
gängige Formeln, die im politischen Diskurs fast überall eingesetzt
werden können, z.B., um einer inhaltlichen Diskussion von vorneherein
das Wasser abzugraben. Die alltägliche Verkehrssprache unterwirft
die in ihr gemachten Äußerungen den Bildungs- und Verlaufsgesetzen
des reibungslosen Funktionierens. Wie oft verzichtet man auf den eigenen
persönlichen Ausdruck und überläßt sich vorgeformten
Wendungen und Worten! Das müssen nicht immer Wendungen der gängigen
Alltagssprache sein, es betrifft auch und gerade die Fachsprachen, z.B.
auch die philosophische, die sich oftmals beruhigt bei einer Bewegung in
Begriffen und Fragen , in die sie eintaucht wie in ein vorgegebenes Medium,
ohne daß sie die einen wie die anderen noch mit eigenem Denken erfüllen
wollte, ohne daß der eigene Sachbezug noch einen Ort in der Rede
fände. Bachelard spricht von der "geometrischen Krebswucherung des
sprachlichen Zellengewebes in der zeitgenössischen Philosophie" (Poetik
des Raumes, 243); er weist auf ihre "erstarrten Metaphern, fossiliengewordenen
Bilder" (252) hin; mindestens ebenso scheinen mir die zu bloßen Stichworten
und Formeln verkommenen Kunstworte und die oftmals gewollt geistreich und
originell sein sollenden Bilder der Logik des Zellengewebe-Denkens zu entsprechen.
"Aber - so noch einmal Bachelard - in der Philosophie rächt sich die
Bequemlichkeit, und das philosophische Wissen wird nicht auf dem Boden
schematisierter Erfahrungen gewonnen." (Vielleicht ist aber bei der modernen
Verkehrsweise gar nicht mehr die Sprache das ausgezeichnete Verkehrsmittel.
Virilio, auf den ich gleich noch kurz kommen werde, sagt jedenfalls, daß
"das Bild nunmehr das einzige leistungsfähige Vehikel ist. Ein realzeitliches
Bild, das den Raum, in dem sich noch das Automobil fortbewegt, verdrängen
wird." (Stillst., 31f.) Anders als die Sprache, die Verkehrsmittel im geistigen,
nicht leibhaften Raum ist, übergreift nach Virilio das elektronisch
erstellte und gesendete Bild, die "Realzeit der Direktübertragungen",
alle möglichen Räume, z.B. den "realen Raum einer Landschaft";
genauer soll es imstande sein, den Raum selbst zugunsten der Zeit aufzuheben,
einer Zeit, die letztlich der Augenblick des Beobachters ist.) Doch zurück
zur Selbstbeweglichkeit des Verkehrs in seiner alltäglichen Realität.
Im Grunde ist der Ausdruck "Selbstbeweglichkeit" schief, obgleich er sich
- zumal in der Übersetzung "Auto-Mobilität" - zugleich nahelegt.
Die Naturgesetzlichkeit der zweiten Natur ist eine scheinbare. Damit will
ich nicht sagen, daß es letztlich eben doch die Menschen sind, die
den Verkehr hervorbringen, indem sie an ihm teilnehmen und sich in ihn
begeben. Ich denke, daß sie ihre Kontroll- und Entscheidungsfähigkeit
in der Tat verloren haben, sie mußten sie an die scheinbar objektive
Macht abgeben. Aber das heißt nicht, daß diese selbst - oder
mehr oder weniger geheimnisvoll hinter ihr stehende Kräfte - jetzt
tatsächlich selbst kontrollieren und entscheiden würde. Sicher,
auch im Fall des Verkehrs sind - wie im übrigen wohl bei all diesen
Verselbständigungstendenzen - mannigfache Profit- und Machtinteressen
auszumachen, die das Getriebe in Gang halten. Aber sind nicht diese Interessen
selbst, sind nicht der Profit und die Macht ihrerseits weitgehend anonyme
Größen geworden? Weder der Verkehr, noch das Kapital, noch die
Hochfinanz, noch der Staat sind "persönlich" entscheidend und lenkend
für den Gang unserer Angelegenheiten verantwortlich und also auch
dafür haftbar zu machen. Die Verselbständigung bedeutet gerade,
daß es am Ende "niemand gewesen ist". Und doch geschieht etwas. Bäume
werden gefällt, der Boden wird versiegelt, Kinder werden krank. Aber
auch: Verkehrsbelange setzen sich durch, Transitströme fließen,
das Kapital erhöht seine Umlaufgeschwindigkeit. Und auch: Menschen
fahren in Ferien, Waren aus fernen Ländern kommen zu uns, Kranken-
und Hilfstransporte passieren das Land. Da ist etwas in dauernder Bewegung,
mit einigen guten und vielen schlechten Auswirkungen, aber es ist gewissermaßen
in unbewegter Bewegung; es macht etwas mit uns, aber mit ihm macht sich's
von selbst. In den "Vorbemerkungen" zu einem Band mit dem Titel "auf, und,
davon", "Eine Nomadologie der Neunziger", heißt es von der Welt:
"Tatsache ist: Wir halten sie aus - daher sind wir. Mehr nicht." (Werner
Krause, a.a.O., 9) Paul Virilio zitiert einen Vers von Henri Michaux: "Man
träumt nicht mehr, man wird geträumt" (Stillst., 47) Entsprechend
könnten wir formulieren: Die Verkehrung des Verkehrs besagt: wir verkehren
nicht, wir werden verkehrt. Die Doppeldeutigkeit dieser absurden Formulierung
- wir werden verkehrt - bringt zum Ausdruck, daß das, was da mit
uns geschieht, wenn die Beziehungen selbständig werden, nicht irgendein
beliebiges Geschehnis ist, sondern daß es uns in unserem Innersten
verändern, umkehren kann. Ein Moment dieser zutiefst verändernden
Einwirkung des Verkehrswesens auf den Menschen ist das Faktum der Geschwindigkeit
und Beschleunigung, das nicht nur den modernen Verkehrsmitteln, aber diesen
in einem zuvor ungeahnten Maße innewohnt. Die heute prononciert begegnende
Wiederentdeckung der Langsamkeit hängt zweifellos mit der Erfahrung
einer Gefährdung des Menschen durch die Geschwindigkeit zusammen.
Daß auf Grund der Veränderungen von Bewegung und Bewegtwerden
eine Veränderung des Menschseins selbst anstehen könnte, ist
eine Überzeugung verschiedener zeitgenössischer Theorien über
die Zukunft des Menschen unserer Tage, die diese Veränderung selbst
positiv auf den Begriff zu bringen suchen. Zwei von ihnen, die beide 1990
erschienen sind, will ich hier kurz als Beispiele anführen, wenn auch
nicht kommentieren, gerade weil sie zu völlig entgegengesetzten Resultaten
kommen. Vilém Flusser spricht in "auf, und, davon" von der "Tatsache,
daß uns das seßhafte Leben vom konkreten Erleben abgeschnitten
hat, und daß wir unfähig geworden sind, Konkretes zu erfahren".
Demgegenüber erfahren Nomaden "die vernetzte konkrete Wirklichkeit,
sie fahren darin herum, sie befahren Möglichkeitsfelder."(31) Die
Neunzigerjahre könnten nun, das ist die These des ganzen Buches, deren
Implikationen Flusser in seinem Aufsatz zu erläutern sucht, "der Seßhaftigkeit
ein Ende bereiten." (18) Daher der Begriff der Nomadologie, der übrigens
schon bei Deleuze und Guattari begegnet. (Rhizom, 37) Paul Virilios Diagnose
führt, was die menschliche Zukunft angeht, in die entgegengesetzte
Richtung; sie setzt gewissermaßen schon einen Schritt weiter an:
"das Moment der Bewegungslosigkeit löst die fortwährende Bewegung
ab." (Rasender Stillstand, 36) In der "kurz bevorstehenden Durchsetzung
des audiovisuellen Vehikels" vermutet er "einen Ersatz für unsere
physischen Fortbewegungen und Verlängerung der häuslichen Bewegungslosigkeit,
eine letzte Veränderung", "die schließlich den Triumph der Seßhaftigkeit
erleben wird, einer endgültigen Seßhaftigkeit diesmal." (38f.)
Die "vehikulare Veränderung" wird "vom entfesselten Nomadismus zur
Bewegungslosigkeit führen, zur endgültigen Seßhaftigkeit
der Gesellschaften." (42) Ich bezweifle allerdings, ob solche radikalen
Thesen unser Auf-der-Erde- sein und seine möglichen Veränderungen
wirklich treffen. Um sie diskutieren zu können, bedürfte es allerdings
einer eingehenderen Auseinandersetzung mit den ihnen zugrundeliegenden
Zeitanalysen. Mir scheint, als würde hier ein Moment der Jetztzeit
ungebührend verabsolutiert. Ich denke, der Verkehr ist nur ein Beispiel;
die zweite Natur - ich habe anderswo von den "konkreten Abstrakta" gesprochen
- breitet sich über die Erde aus und zieht uns in sich hinein, verwendet
uns für ihre Zwecke, die die Zwecke von allen und niemandem zu sein
scheinen. Die Frage, ob nicht - und gegebenenfalls wie - die Verkehrung
als solche, als geschichtlich, durch Menschen gewordene, selbst geschichtlich,
durch Menschen, umkehrbar ist, braucht zuvor die Besinnung auf das, was
ist, wenn es so ist, wie es ist, also die Analyse und Kritik. Ein Aspekt
davon ist das, was ich hier die Verkehrung nenne, die darin besteht, daß
sich Beziehungen, die eigentlich Beziehungen zwischen Menschen sind, verkehren
in etwas, das nicht mehr Beziehung ist, auch nichts Menschliches mehr,
aber auch nichts im gewohnten Sinne Dingliches. Es ist nichts derartiges
mehr, weil es nichts Welthaftes mehr ist. Die Verkehrung des Verkehrs,
das ist die Verkehrung des Menschen-möglichen, die Verkehrung der
Beziehungen, aber es ist vor allem, weil die anderen Momente mit umfassend,
die Verkehrung der Welthaftigkeit. Unter "Welt" verstehe ich in diesem
Kontext einen jeweiligen Sinnzusammenhang, den Bereich des jeweiligen Zusammen-
und Hineingehörens. Von ihrem Horizont her ordnen sich die Einzelnen
in ein Geflecht der gegenseitigen Beziehungen und Eigenheiten. Nur weil
wir gemeinsam in eine Welt gehören, können wir innerhalb ihrer
Beziehungen zueinander aufnehmen, uns durch einen sinnhaften Raum vom Einen
zum Anderen begeben. Die Bedeutungen solcher Verkehrsbeziehungen ergeben
und bestimmen sich aus dem Ganzen der jeweiligen Welt. Wo aber ein Sachzusammenhang
sich verselbständigt hat und nur noch sogenannte Sachzwänge herrschen,
da bestimmt sich diese Sache gerade nicht mehr aus gemeinsamen Sinnbezügen
und Sinnhorizonten, da übt vielmehr eine fremde Gesetzmäßigkeit
einen Zwang aus, der einer merkwürdigen "geistig-abstrakten" Realität
entstammt, die zwar einen eigenen "Sinn" zu haben scheint, die aber, schaut
man genauer zu, lediglich in sich selbst bzw. in der sich selbst bestätigenden
Rationalität kreist, der sie zugehört. Sprechen wir von der Welt
als "Sinnhorizont", so liegt darin auch, daß unser Verstehen sich
auf sie hin orientieren muß, daß es nur von ihr her gelingen
kann. Die Selbstbewegung des Verkehrs aber ist etwas, was wir, als eine
solche Selbstbewegung, nicht mehr verstehen, nicht mehr verstehen können
und wohl auch nicht sollen. Das liegt nicht daran, daß die Sachverhalte
zu kompliziert geworden wären. Vielmehr daran, daß sie nicht
mehr unserer Welt zugehören, in gar keine Welt mehr gehören.
Der "Sachzwang" eines Straßenbaus z.B. erhebt nicht mehr den Anspruch,
daß wir ihn einsehen sollen, seiner Logik entsprechend reicht es,
daß wir uns der - angeblichen - Rationalität beugen, die ihn
begründen soll. Wo ein Sachzwang und welcher da besteht, das vermögen,
so sagt man, nicht wir zu entscheiden, dafür bedarf es der sogenannten
Sach-Verständigen. Hierzu eine Frage aus Ulrich Becks "Gegengiften":
"Genau daran entscheidet sich die Zukunft der Demokratie: Sind wir in allen
Einzelheiten der Überlebensfragen von Experten, auch von Gegenexperten
abhängig, oder gewinnen wir mit der kulturell hergestellten Wahrnehmbarkeit
der Gefahren die Kompetenz des eigenen Urteils zurück? Lautet die
Alternative nur noch: autoritäre oder kritische Technokratie? Oder
gibt es einen Weg, der Entmündigung und Enteignung des Alltags in
der Gefahrenzivilisation entgegenzuwirken?" (293) Ich denke, hier müßte
sich nun in der Tat die Frage nach der Möglichkeit einer Umkehrung
der Verkehrung des Verkehrs anschließen. Das würde jedoch den
Bereich der kritischen Analyse verlassen, auf den ich mich heute und hier
beschränken wollte.
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Letzte Änderung: 19. August 1997