B31 NEU - VERKEHRSWENDE
Sommersemester 1997
Eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg
Verkehrung des Verkehrs
Prof. Dr. Ute Guzzoni
Meine Überlegungen zu philosophischen Aspekten des Verkehrs gliedern sich in einen einleitenden und zwei Hauptteile und dauern gut 50 Minuten. Zunächst mache ich einige allgemeinere Bemerkungen zum Verkehr und zu der Schwierigkeit, ihn philosophisch in den Blick zu fassen. Der zweite Teil geht vom Miteinander-verkehren von Menschen aus und führt von da zu dem, was wir heute allgemein unter "Verkehr" verstehen. Der dritte Teil thematisiert dann die "Verkehrung des Verkehrs". I. Zu philosophieren heißt, Fragen zu stellen hinsichtlich dessen, was ist, Selbstverständlichkeiten des gewöhnlichen Welt- und Selbstverständnisses aufzubrechen und dadurch nachdenklich zu machen. Die erste Frage ist dabei bekanntlich die "was ist Frage". Sie bedeutet nicht, daß nach einer griffigen Definition zu suchen wäre. Definitionen als solche haben nichts eigentlich Philosophisches, nichts Nachdenkliches an sich. Vielmehr geht es diesem Fragen danach, was und wie etwas ist, darum, sich den Bereich vor Augen zu führen, in den etwas gehört, die Sachzusammenhänge, die etwas tragen bzw. aus denen es entstanden ist. Ein Weg, sich dem eigenen Bereich eines Sachverhaltes zu nähern, ist für die Philosophie seit altersher der Versuch, dem jeweiligen Wort nachzufragen, es in seinen unterschiedlichen und geschichtlich sich wandelnden Bedeutungszusammenhängen aufzusuchen. Damit möchte auch ich hier anfangen. Was ist der Verkehr? Scheinbar wissen wir alle und ohne lange nachdenken zu müssen, was "Verkehr" heißt, vor allem, wenn wir das Wort in der heute gebräuchlichsten Bedeutung von "Straßenverkehr" nehmen. Zusammensetzungen wie Verkehrsmittel, Verkehrsvorschriften, Verkehrsteilnehmer fallen uns ein. Der Verkehr ist das, was es Menschen und Waren ermöglicht, schnell oder weniger schnell von einem Ort zum anderen zu kommen. Das Trübner'sche Wörterbuch spricht vom "Hinundhergehen und -fahren in der Öffentlichkeit" als der ersten Bedeutung von Verkehr. Oftmals liegt eine gewisse Passivität darin: Im dtv-Lexikon heißt es, Verkehr sei die "Beförderung von Personen, Gütern und Nachrichten unter Benutzung besonderer technischer und organisatorischer Einrichtungen", d.h. hier wird mit dem Verkehr nicht die selbständige Bewegung, sondern die Beförderung durch Verkehrsmittel, also ein Bewegtwerden assoziiert. Dem entspricht, daß der Verkehr oftmals etwas merkwürdig Unpersönliches an sich hat: wir machen nicht und noch weniger sind wir Verkehr, höchstens sind wir Teilnehmer an ihm. Er selbst ist eine Struktur, ein System, ein eigenständiges "Wesen", eben das Verkehrswesen, das heute das gesamte öffentliche Leben durchzieht und bestimmt. "Verkehr" kommt von verkehren. "Verkehren" selbst hat zwei Bedeutungen. Auch wenn wir die zweite, nämlich "umkehren, in die andere, entgegengesetzte Richtung kehren" zunächst beiseitelassen, geht schon die erste Bedeutung, "sich zu etwas hinkehren" in zwei unterschiedliche Richtungen: verkehren als Handel treiben und verkehren als miteinander umgehen. Es scheint, daß der zeitlich erste Gebrauch von "verkehren" der "kaufmännische" war; der Verkehr war dementsprechend zunächst der Handel und der Vertrieb und Absatz von Waren. Das Grimmsche Wörterbuch erläutert z.B. das Wort "Verkehrsverhältnis" mit "Handelszustand". Gebräuchlicher als die auf den Warenaustausch bezogene ist zunächst jedoch die andere Bedeutung jenes "sich zu etwas hinkehrens", also das "in Verbindung stehen" mit jemand oder etwas. Menschen verkehren miteinander, das heißt, sie stehen in Verbindung zueinander, gehen miteinander um. Das kann geschehen, indem sie sich leibhaftig hin und her bewegen, vom einen zum anderen gehen und umgekehrt, oder so, daß sie sich gegenseitig etwas zukommen lassen, Botschaften, Geschenke, oder auch nur Gedanken, - und eben auch Waren, womit die vorherige Bedeutung wieder eingeholt wäre. Der Verkehr reicht dann vom öffentlichen Verkehr als einer gesellschaftlichen Institution über den privaten Umgang, z.B. im Brief- und Besuchsverkehr, bis hin zum intimsten, dem Geschlechtsverkehr. Obgleich es die Sache "Verkehr" im weiten Sinne immer schon irgendwie gegeben hat, seit Menschen überhaupt etwas miteinander zu tun haben und d.h. seit es Menschen gibt, ist das Wort "Verkehr" relativ jung. In dem entsprechenden Artikel des Grimmschen Wörterbuches kommt die uns heute geläufigste Bedeutung von Verkehr überhaupt nicht vor. Gleichwohl hat schon 1891 Kaiser Wilhelm II., als er dem damaligen Staatssekretär des Reichspostamts zum 60. Geburtstag sein Bild schenkte, die Unterschrift darunter gesetzt: "Die Welt am Ende des 19. Jahrhunderts steht unter dem Zeichen des Verkehrs." (Büchmann, 592) Wenn wir heute im Alltag einfachhin vom Verkehr sprechen, so meinen wir wohl zumeist den Autoverkehr bzw., etwas allgemeiner, den Straßenverkehr. Wir denken an das Hinundherfahren von Fahrzeugen, das Ganze der durch Verkehrs-Mittel ermöglichten Bewegungen von einem Ort zum anderen, und zwar eben vor allem, insofern es sich auf Straßen vollzieht. (Luftverkehr z.B. und Schienenverkehr sind zumeist erst in zweiter Linie gemeint, wenn wir einfachhin von "Verkehr" sprechen.) Zugleich allerdings assoziieren wir heute unmittelbar auch die mannigfachen Probleme, die der Straßenverkehr verursacht, also Gestank, Luftverschmutzung, Stau, Lärm, sterbende Bäume usw. "Verkehren" hat, wie gesagt, auch eine andere Grundbedeutung, die z.B. auch in dem Adjektiv "verkehrt" liegt, und die an dieser Stelle wenigstens kurz schon berührt werden soll: verkehren nämlich im Sinne von etwas verdrehen und umkehren, den Sinn verändern, etwas in sein Gegenteil verkehren. Das "Verkehrte" hat oft, wenn auch keineswegs immer, den Sinn des Falschen, ins Unrichtige Umgewendeten. Kehren bedeutet ursprünglich wenden, aber auch ganz allgemein "jede Bewegung jeder Art und Richtung", das Kommen und Gehen, insbesondere das Wieder- und Zurückkommen; verkehren heißt dementsprechend um-wenden, in die andere Richtung wenden. So wie "bekehren" in die richtige Richtung wenden meint, heißt dann "verkehren" in die falsche, eben verkehrte Richtung bringen. In meinem Titel "Verkehrung des Verkehrs" ist Verkehrung ersichtlich in diesem Sinne verstanden. Doch damit genug der Wortbedeutungen und des Wortgebrauchs. Welche philosophischen Betrachtungen legt das nahe, was ich da über den Verkehr und das Verkehren in Erinnerung gerufen habe? Wie können wir philosophierend mit dem angedeuteten Wort- und Begriffsmaterial umgehen? Auffällig ist, daß wir hier in der Fachliteratur kaum Hilfe finden. Es gibt den Verkehr, um den es in dieser Vortragsreihe geht, gar nicht als philosophischen Begriff oder philosophisches Problem, selbst in unserem Jahrhundert nicht. Für die Tradition des westlichen Denkens ist der Verkehr eher ein Un-Ding. Zunächst bereiten solche Sachen wie der Verkehr dem ontologischen Ansatz darum erhebliche Schwierigkeiten, weil ein "Wesen" wie das Verkehrswesen im Grunde gar kein Wesen ist, keine Substanz, kein selbständiges Ding, nämlich kein selbständig und dinghaft Vorkommendes. Im Sinne der abendländischen Philosophietradition ist der Verkehr zudem insofern ein "Unding", als er per definitionem etwas Unwesentliches ist. Wesenhaft war für diese Tradition das Bleibende, Unvergängliche und Unveränderliche, das, was dem endlichen und sterblichen Seienden eine gewisse Ständigkeit und Allgemeinheit zu verleihen vermochte. Der Verkehr aber ist nichts Ständiges. Er ist zwar für die Zwecke der Selbsterhaltung so notwendig wie Nahrungsmittelbeschaffung und Kleidung, gleichwohl gehört er mit diesen zusammen in den Bereich des bloß Empirischen, einmal so und einmal anders Seienden. Sowohl der private wie der öffentliche Verkehr der Menschen miteinander bedeutet etwas an ihm selbst Flüchtiges, Vorübergehendes. Auch in den Betrachtungen der praktischen Philosophie, die sich mit dem menschlichen Miteinanderverkehren beschäftigen, spielt der Aspekt des Verkehrs im engeren Sinne keine besondere Rolle. Hegel kommt in seiner philosophischen Untersuchung der Bürgerlichen Gesellschaft zwar einmal auf den Verkehr zu sprechen; er nennt ihn ein "den Vertrag einführendes rechtliches Verhältnis". Aber darauf, was der Verkehr eigentlich ist, geht auch er nicht ein. Die Intention des zeitgenössischen Philosophierens hat sich allerdings gegenüber dem metaphysischen Anspruch tiefgehend gewandelt. Wir fragen nicht mehr so sehr nach den bleibenden Prinzipien und Seinsgesetzen, sondern gehen eher von der Endlichkeit des menschlichen Erfahrens und Sprechens aus und richten unseren Blick auf die Grundbezüge des Menschen in der Welt. Dabei kommen auch Phänomene wie z.B. Mobilität und Bewegung, Geschwindigkeit und "rasender Stillstand" (Paul Virilio) in den Blick, es ist die Rede (bei Peter Strasser) von einer "nomadisierenden Sensibilität" oder einer "Kultur der Mobilität". Weitgehend fehlen jedoch noch die Kategorien und Begriffe, deren wir bedürften, wenn wir nicht im Beliebigen oder in einem bloß geistreichen Beschreiben hängen bleiben, vielmehr die Grundzüge von so etwas wie "Verkehr" philosophierend auf den Begriff bringen wollen. Ich möchte im Folgenden die Aufmerksamkeit auf einen, wie ich meine, entscheidenden Aspekt des modernen Verkehrs richten, nämlich auf sein Verhältnis zu dem unmittelbaren Miteinander-verkehren der Menschen. Genauer will ich ihn als eine Verkehrung dieses Miteinander-verkehrens aufzeigen. Doch dafür ist zunächst zu fragen, was es überhaupt besagt, daß Menschen miteinander verkehren. Im Letzten wäre damit allerdings nach der Bedeutung der Gesellschaftlichkeit und der Geselligkeit der Menschen gefragt; so allgemein ist das hier nicht zu behandeln. Mit dem Folgenden ist auch keine historische, logische oder ontologische Ableitung des modernen Verkehrs aus dem allgemeinen zwischenmenschlichen Verkehr intendiert. Ich werde lediglich einen Gedankenweg von dem einen zu dem anderen gehen, um damit eine charakteristische Seite des heutigen Verkehrs, eben seine Verkehrung aufzuzeigen. II. Wenn wir davon sprechen, daß Menschen miteinander verkehren, so liegt darin sowohl, daß sie je Einzelne, wie, daß sie aufeinander Bezogene sind, daß sie einander als je Einzelne sowohl fern wie zugleich auch nah sind. Ich möchte das zunächst im Ausgang von einem japanischen Kurzgedicht, einem Haiku, verdeutlichen. "Irgendeiner kam / und besuchte irgendwen - / Abendlicher Herbst" (Buson). Jemand geht zu irgendwem; er kommt irgendwoher und geht irgendwohin. Wo er geht, ist nicht gesagt, der Raum wird nicht genannt. Es sei denn, wir nähmen den abendlichen Herbst, den herbstlichen Abend selbst als den Bereich, in dem dieses Gehen des Einen zu dem Anderen geschieht. Zugleich spinnt jedoch das Gehen selbst eine räumliche Verbindung zwischen dem Einem, der irgendwoher kam, und dem Anderen, der irgendwo ist, vielleicht wartet und erwartet, vielleicht ruhig bei sich, in seinem Zuhausesein verharrt. Irgendeiner kam und besuchte irgendwen. Daß sie überhaupt miteinander in Verbindung treten, miteinander verkehren können, heißt sowohl, daß sie jeder für sich sind, wie daß sich ein Raum zwischen ihnen erstreckt, innerhalb dessen jeder für sich seinen Ort und seine Bewegung hat. Er ist der Raum, innerhalb dessen, und der Ort, an dem sie zusammentreffen; so verkehren in einem griechischen Dorf die Männer im Kafeneion, die Frauen am Brunnen oder beim Kaufmann miteinander. Der abendliche Raum, den der Eine zum Anderen hin durchgeht, ist zugleich der Zwischenraum zwischen dem Einen und dem Anderen, der beide auseinanderhält bzw. besser, der zum einen die Möglichkeit und die Wirklichkeit ihres Getrennt- und Jefürsichseins offenhält, wie er zugleich damit die Möglichkeit ihres Zusammenkommens bietet. Das aber besagt auch, daß dieser Raum ein Raum für die Bahnen und Wege ist, die sie zueinander zurücklegen können. Zurück-legen - das heißt, sie können sie in ihrem Rücken lassen, sich von dem je eigenen Ort fortbewegen in der Richtung zum Anderen hin, wobei sie jedoch ihren eigenen Ort zugleich auch mitnehmen. Und, von der Seite des je Anderen her gesehen: sie können den Kommenden erwarten, aufnehmen, mit ihm verkehren, indem sie ihn bei sich empfangen. Irgendeiner kam - und besuchte irgendwen. In dem zweimaligen "irgend" der deutschen Übersetzung liegt eine Unbestimmtheit, die, so scheint mir, wiederum den offenen Raum anzeigt, der das Kommen und Gehen, das Herkommen von und Hingehen zu, die geschenkte und angenommene Anwesenheit des Einen bei dem Anderen trägt. Daß Menschen miteinander verkehren, ist ein Geschehen, das sie in eine Nähe zusammenbringt und doch zugleich auch in ihrer Ferne auseinanderhält, das ihre Zweiheit betont und sie doch zugleich überbrücken und zu der Einheit eines Zusammen, eines Miteinander als eines Mit-einem-Anderen- seins werden lassen kann. Im übrigen sagen wir nicht nur von Einzelnen, sondern auch von Familien, Städten und Staaten, daß sie miteinander verkehren, was aber das selbe Verhältnis von Einzelheit und Zusammenkommen impliziert. Der Verkehrs-Raum ist ein Raum der Bewegung. Im Miteinander-verkehren ist jeweils eine Bewegung des Zusammenkommens durch einen - sei es sinnlichen, sei es geistigen - Raum gemeint, die den Einen, oder zumindest etwas von dem Einen zu dem Anderen bringt und umgekehrt. Dieses "und umgekehrt" ist wesentlich. Ein Verkehr findet erst statt, wo es eine Gegenseitigkeit oder doch die Möglichkeit einer Gegenseitigkeit gibt. Miteinander zu verkehren bedeutet einen Austausch, - des Seins bei, der Empfindungen, der Worte, der Waren. Der Verkehrs-Raum in diesem Sinne ist ein Raum des Hin und Her, er ist jeweils offen in beiden bzw. in mehreren Richtungen. (Gleichwohl kann es in ihm auch Ungleichgewichtigkeiten, ein Gefälle der Macht, der Autorität, der Kompetenz, des Gefühls usw. ) Der Verkehr impliziert, daß jemand sich von einem Ort zum anderen bewegt, d.h. daß er seinen Platz zumindest zeitweilig verläßt, um sich an den des Anderen zu begeben, bzw. daß er mit jenem an einen gemeinsamen Platz zusammenkommt. Der Platz des Anderen ist für das Miteinander-verkehren nicht allein als das Wohin der Bewegung bedeutsam, sondern auch als das Wovonher des Erwiderns, vielleicht des Entgegenkommens des Anderen. Die Bewegung des Einen zum Anderen ist keine einseitig gerichtete, sie bestimmt sich von ihren beiden Enden her. Sie ist kein einzelnes Geschehen, sondern ein Beziehungsgeflecht des wechselseitigen Einanderangehens. Die da miteinander verkehren, führen, so könnte man in gewissem Sinne sagen, miteinander eine sie umgreifende, sie gemeinsam einbehaltende Bewegung aus, die sich gleichwohl erst durch ihr jeweiliges Sich-verhalten zueinander entspinnt. Im engeren Sinne ist dies übrigens immer ein freundschaftlicher Verkehr. Feinde verkehren nicht miteinander, auch wenn sie sich noch so nahekommen. All diese Bestimmungen - das Zugleich von Einzelnheit und Zusammengehörigkeit, die Betonung des Raumes, der Bewegung, der Gegenseitigkeit - scheinen Selbstverständlichkeiten zu sein. Und doch macht es einen wichtigen Unterschied für das prinzipielle In-der-Welt-sein des Menschen, ob er sich als einen versteht, der wesentlich und als er selbst bei sich selbst ist, und dann lediglich von sich aus Bewegungen zu Anderen hin vollzieht, oder ob er sich immer schon in einem Raum der gegenseitigen Bezogenheit, des Sich-hin-und-herbewegens zwischen dem Einen und dem Anderen weiß, der gleichwohl die grundsätzliche Differenz nicht verleugnet, die zwischen seinem Ort und dem des Anderen besteht, die Differenz von Nähe und Ferne. Das Miteinander-verkehren der Menschen in diesem Sinne wichtig zu nehmen, heißt, weder der Ideologie der prinzipiellen Individualität noch der einer prinzipiellen Kollektivität des Menschseins anzuhängen. Der Verkehrs-Raum ist nach dem Gesagten nicht einfach ein Bereich mit einer bestimmten Ausdehnung, innerhalb dessen zwei Raumpunkte bzw. Rauminhalte in einer bestimmten meßbaren Beziehung zueinander stehen. Heidegger hat die Besonderheit des menschlichen Im-Raum-seins darin gesehen, daß die Menschen keine in sich abgekapselten Raumdinge sind, die erst sekundär Strecken und Abstände wahrnehmen, messen und eventuell auch "hinter sich bringen"; menschliches In-der-Welt-sein ist vielmehr ursprünglich räumlich und einräumend, was besagt, daß es sich immer schon in der Weise auf "außer" ihm Seiendes bezieht, daß es, wie Heidegger zeigt, den Raum "durchsteht", der zwischen ihm und den Dingen liegt. So sagt er im Zusammenhang der Frage nach dem räumlichen Verhältnis des Menschen zu einer entfernten Brücke, es gehöre "zum Wesen unseres Denkens an die genannte Brücke, daß dieses Denken in sich die Ferne zu diesem Ort durchsteht." (BWD, 157) Dieser Gedanke läßt sich in unserem Kontext noch einen Schritt weiter verfolgen. Wenn, wie hier, das, worauf der Mensch sich bezieht, nicht ein Ding, sondern selbst ein Mensch, also selbst ein seinen Umraum durchstehendes Wesen ist, dann bekommt jenes "Durchstehen" noch eine andere Bedeutung, der Raum, in dem das Sich-aufeinander-Beziehen geschieht, erhält eine neue Relevanz und Dichte. Die Nähe und die Ferne des Anderen scheinen ineinander, wenn sie sich gegenseitig entgegenkommen und verschränken. Die sich in der Beziehung erhaltende und sie zuvor schon allererst ermöglichende Besonderheit eines jeden von ihnen ist dann zugleich als die gewahrte Besonderheit des je Anderen, als seine Fremdheit und sein Fernsein ernstzunehmen. Miteinander zu verkehren heißt dann, die Spannung, die in der Bewegung des gegenseitigen Zueinanderkommens und gleichzeitigen Anders- und Fremdbleibens liegt, miteinander auszutragen und offenzuhalten. Der Mensch durchsteht den Raum zwischen ihm und dem Anderen zum einen, indem er ihn durchgeht, indem er sich "im Raum" von seinem Ort zu dem des Anderen hinbewegt, zum anderen aber - und das ist es, was für Heidegger im Vordergrund steht - indem er sich in seinem Denken auf den Anderen, räumlich Entfernten bezieht; auch dies ist eine Bewegung zum Anderen hin, die zugleich auch immer schon vom Anderen herkommt. In beiden Fällen kann sich diese Bewegung zum Anderen im wörtlichen Sinne re-alisieren, also in gewisser Weise dingliche Gestalt annehmen; oder anders gesagt, es kann sich eines Verkehrs-Mittels bedienen. Im nicht leibhaften Verkehr der Menschen untereinander ist das Verkehrsmittel die Sprache. Ihr übergeben wir unsere Gedanken, Wünsche und Absichten, damit sie sie hinüberträgt zu den Anderen. Und in ihr vermögen wir auf die Anderen zu hören, ihre Fragen und ihre Antworten, ihre Erzählungen und ihre Informationen zu vernehmen. Im Hin und Her des Sprechens vollzieht sich der geläufigste Verkehr der Menschen untereinander - knapp oder langatmig, sachlich-nüchtern oder in epischer Breite, offen oder in Andeutungen, im intimen oder im öffentlichen Austausch. Auch im Sprechen durchstehen wir unseren Verkehrs- Raum. Aber zugleich durchgehen wir diesen Raum auch, wir bewegen uns leibhaftig zum Anderen - "irgendwer kommt und besucht irgendwen". Zur leibhaften Bewegung durch unseren Verkehrsraum gehören zwei Momente, die beide die Möglichkeit oder sogar Tendenz zu einer gewissen Loslösung vom Menschen aufweisen, die wir später in der Verselbständigung des modernen Verkehrs näher betrachten werden: die Herausbildung von eigenen Verkehrswegen und von Verkehrsmitteln. Das natürliche, d.h. uns mit unserer Leiblichkeit unmittelbar gegebene Verkehrs-Mittel sind - pars pro toto - unsere Füße; wir gehen zu Fuß. Sind aber die Zwischenräume zwischen dem Einen und dem Anderen größer, gilt es weitere Strecken in kürzerer Zeit zurückzulegen, so gebraucht man dingliche Mittel, um zum Andern zu kommen, das Reittier, das Schiff, nach der Erfindung des Rades den Wagen, das Auto, das Fahrrad usw. Jeweils benutzt man Dinge (bzw. Tiere), um den Weg zum Anderen zu durchgehen bzw. dann zu durchfahren. Diese Fahr-zeuge als Verkehrs-mittel bedeuten gewöhnlich eine neue, erhöhte Geschwindigkeit gegenüber der dem Menschen leibhaft möglichen. Die Verkehrsmittel beschleunigen den Verkehr und geben ihm damit eine neue Dimension. Das Fahrzeug läßt den Fahrenden, den sich Bewegenden selbst unbewegt, das Mittel übernimmt die Bewegung im Verkehr der Menschen miteinander, auch wenn sie zunächst noch durchaus vom Menschen in Gang gebrachte Mittel sind, die seinem Willen und Planen entsprechen, seine Bemühungen und Energien in Bewegung und Geschwindigkeit umsetzen. Doch indem er sich ihnen überläßt, willigt er in eine gewisse Passivität ein, er wird bewegt, mit allen Vorteilen, aber auch Risiken, die das mit sich bringt, wie dem Risiko der realen Entmachtung des einzelnen Verkehrsteilnehmers, die wir im modernen Verkehrsgetriebe zu konstatieren haben. Mit der Ausbildung eigener Verkehrs-Mittel bekommen auch die Verkehrs-Wege eine eigene Bestimmtheit, sie werden zu mehr oder weniger fixierten Bahnen, zu Schiffsrouten, Schienensträngen, Flugschneisen. Der Verkehr braucht Wege, Straßen, Brücken. Sie stellen so etwas wie Kanalisierungen, Fixierungen der Bewegungsbahnen dar, die den Einen zum Anderen oder beide zusammenbringen. Aus großer Höhe, aus dem Flugzeug gesehen erscheinen gerade die großen Landflächen von Verkehrsadern ähnlich wie von Wasseradern durchzogen und gegliedert. Die Verkehrswege werden zu einem dinglichen Gerüst und Träger des Miteinander-verkehrens, sie scheinen von sich aus zur Realisierung des Verkehrs herauszufordern. (Ich will nicht behaupten, daß die Verkehrsmittel, Verkehrswege usw. eindeutig für den Verkehr der Menschen miteinander erfunden bzw. entstanden seien. Es gibt auch Fahrten ins Ungewisse, es gibt Eroberungs- oder Entdeckungszüge, Flucht- und Wanderungsbewegungen, die nicht dem unmittelbaren Verkehr der Menschen untereinander dienen. Aber es geht hier nicht um eine Ausschließlichkeit der Bestimmungen. Im Folgenden lasse ich weiterhin den nicht-zwischenmenschlichen Verkehr beiseite.) Neben der Bedeutung der sich verfestigenden Verkehrsmittel und -wege ist noch ein weiteres Moment der Sach-Bezogenheit und dinglichen Fixierung des Verkehrs aufzuzeigen, nämlich, daß die Menschen nicht nur selbst, in persona, sondern auch in der Weise miteinander verkehren, daß sie Sachen untereinander austauschen. "Und es bieten tauschend die Menschen / Die Händ' einander"sagt Hölderlin (Die Titanen), und anderswo spricht er vom "fernhinsinnenden Kaufmann", der "die guten Gaben der Erd ausglich und Fernes Nahem vereinte" (Der Archipelagos). Nicht nur Gedanken, Gefühle, Gesten gehen zwischen den Menschen hin und her, sondern auch Gaben und Waren. Sie tauschen und handeln miteinander, sie bringen Eigenes in die Ferne und holen Fernes in die Nähe. Die großen Verkehrsstraßen sind seit alters die Handelsstraßen, - wie die Seidenstraße, die Ostasien mit dem vorderen Orient verband, die Karawanenstraßen durch die Wüsten, die Handelswege der Hanse. Das Mittelmeer war schon früh ein ausgedehntes Verkehrsnetz von Schiffsrouten im Handelsverkehr. Bestehende Beziehungen zwischen Einzelnen und Staaten werden durch den Austausch von Waren vertieft und gefestigt, und neue Beziehungen werden gegründet, um ihn möglich zu machen. Mit zunehmender Zivilisation gewinnt der Warenverkehr immer größere Bedeutung. Die Ausbildung von Verkehrsmitteln und -wegen insbesondere für den Handel und Warenverkehr führt, wie gesagt, dazu, daß die Verbindungen eine zunehmende Selbständigkeit gewinnen. Ich weiß nicht, ob Gottfried Benn dieses Phänomen im Auge hatte, aber man kann es in diesem Sinne lesen, wenn er in der ersten Strophe eines Gedichtes zunächst eine frühere Aussage wieder aufnimmt: "Leben ist Brückenschlagen über Ströme, die vergehn", dann aber in der dritten Strophe fragt: "Dann, wenn die Brücken tragen, die Ströme - wo?" Der Verkehr, der einerseits ein Verhältnis von Nähe und Ferne, Aufnahme der Verbindung von einem Hier zu einem Dort und eben darin von einem Dort zu einem Hier ist, wird andererseits zu so etwas wie einem für sich bestehenden Netz, dessen Knotenpunkte die miteinander Verkehrenden zu sein scheinen. Der Raum, den er überbrückt, kann gegenüber den sich verfestigenden Bahnen zurücktreten, unsichtbar werden, das Land und die Ströme, die überbrückt werden, werden irrelevant. Insbesondere aber - auch wenn ich auf dieses Moment hier nicht näher eingehe - ist es die Ausbreitung der Produktion, die Industrie (was ursprünglich einmal Fleiß hieß), die dem Verkehr im Ganzen eine größere Bedeutung zukommen läßt und ihn in die Verselbständigung und damit in die Verkehrung treibt, von der im Folgenden zu handeln sein wird. Hegel - ich kam darauf schon ganz kurz zu sprechen - schreibt zu Industrie, Erwerbsstreben und Verkehr (ein etwas längeres Zitat, das diesen zweiten Teil meiner Überlegungen gut beschließen kann): "Wie für das Prinzip des Familienlebens die Erde, fester Grund und Boden, Bedingung ist, so ist für die Industrie das nach außen sie belebende Element, das Meer. In der Sucht des Erwerbs, dadurch, daß sie ihn der Gefahr aussetzt, erhebt sie sich zugleich über ihn und versetzt das Festwerden an der Erdscholle und den begrenzten Kreisen des bürgerlichen Lebens, seine Genüsse und Begierden mit dem Elemente der Flüssigkeit, der Gefahr und des Unterganges. So bringt sie ferner durch dies größte Medium der Verbindung entfernte Länder in die Beziehung des Verkehrs, eines den Vertrag einführenden rechtlichen Verhältnisses, in welchem Verkehr sich zugleich das größte Bildungsmittel, und der Handel seine welthistorische Bedeutung findet." (Philosophie des Rechts, §247) III. Wenn wir in der zuvor beschriebenen Weise miteinander verkehren, so verkehren wir miteinander. Auch wenn der Verkehrs-Raum uns gemeinsam umfängt, ist er doch etwas, das uns zugehört, das wir immer schon durchstehen und durchgehen, weil wir mit Anderen in der Welt sind. Und auch wenn sich unsere Verkehrs-Wege verfestigen, so bleiben es doch die Wege, die uns oder unsere Waren zueinander kommen lassen, weil wir selbst sie auf den Weg bringen. Der moderne Verkehr hat diese Verhältnisse jedoch weitgehend umgekehrt. Der Verkehr, seine Wege und Mittel ergeben sich nicht mehr so sehr durch unsere Bewegungsintentionen und -bedürfnisse. Er ist überhaupt nichts, was sich ergibt, was sich ausspinnt zwischen zweien oder mehreren, die zueinander wollen. Er ist vielmehr immer schon da. Er besteht aus Fahrplänen, Transportkapazitäten, Verkehrsdichten, und wir und unsere vermeintlich eigenen Belange werden gewissermaßen von ihm mitgerissen oder in ihn hineingerissen. In dieser oder jener Weise ist jeder gezwungen an ihm teilzunehmen, aktiv oder passiv, und sei es auch nur durch die ökologischen Auswirkungen. "Tatsächlich", sagt Paul Virilio, "beherrschen wir nicht mehr die Bewegungsenergie irgendeines 'Transportmittels'. So wie uns das Fieber beherrscht, ergreift die Energie intensiv Besitz von uns." (Stillst., 329) Diese neuzeitliche Umkehrung oder Verkehrung betrifft allerdings nicht allein den Verkehr, sie ist auch in vielen anderen Verhältnissen zu verzeichnen, die einmal als Beziehungen der Menschen zu den Dingen oder insbesondere zueinander entstanden sind, und sich dann fast unbemerkt zu eigenen selbständigen Größen fortentwickelt haben, - wie der Staat, die Wirtschaft, aber auch die Hochschule, das Gesundheitswesen, die Medien, - also all diese merkwürdigen Mächte, die mit ihren angeblichen Sachzwängen unser heutiges Leben bestimmen. Sie sind zunächst vom Menschen gemachte Weisen ihres Sich-verhaltens in die Welt und zur Welt. Aber sie sind ihnen aus den Händen geglitten, sind ihren Erzeugern über den Kopf gewachsen und haben sich dabei, indem sie von Mitteln zu Selbstzwecken wurden, umgekehrt, ihre Richtung verändert und sich in gewissem Sinne gegen ihre Herkunft gewandt. Das, was zunächst vom Menschen ausging, wirkt nun umgekehrt auf ihn ein, bezieht ihn ein und bestimmt ihn. Die Abhängigkeiten kehren sich um. Oftmals zeigt sich das daran, daß die Menschen zum bloßen Material der Institutionen werden, die sie selbst instituiert haben, - als gezählte Einheiten im Verkehrsaufkommen, als Wahlvolk oder "Mann auf der Straße" für die Politik, als Träger des Konsumverhaltens in der Wirtschaft, als statistische Größen im Bildungs- und Gesundheitswesen. Die verselbständigten Mächte sind nicht mehr Bewegtes, sondern Selbstbewegendes. "Gerade so", sagt Ulrich Beck in einem überzeugenden Vergleich, der auf unser Thema, den Verkehr, zurückführt, "gerade so, als sei bei einem 200-PS-Motor ein Naturgesetz eingebaut, das auf deutschen Autobahnen ohne menschliches Zutun seine Kraft entfesselt". (Erfindung des Politischen, 165f.) "Als sei ein Naturgesetz eingebaut", - man bezeichnet dieses Phänomen der sekundären, aber nichtsdestoweniger wirkungsvollen Verselbständigung von ursprünglich dem Menschen zugehörigen Verhältnissen und Institutionen als zweite Natur. Wie die Natur selbst erscheint das solcherart selbständig Gewordene nicht nur als etwas dem Menschen gegenüber Eigenmächtiges, vielmehr, wie eben gesagt, auch als ein ihn in vielerlei Hinsicht Bestimmendes, sogar Unterwerfendes. Ohnmächtige Beschwörungen wie "Du stehst nicht im Stau, du bist der Stau", oder auch "Kriege brechen nicht aus, sie werden gemacht" - und auch der Verkehr ist ja oftmals zu einem alltäglichen Krieg aller gegen alle geworden -, vermögen, für sich genommen, nichts gegen die Eigengesetzlichkeit jener Mächte. Die Verselbständigung ist - wie u.a. Sloterdijk zeigt - paradoxerweise eine Folge des neuzeitlichen Versuchs einer absoluten Selbstermächtigung des Menschen, der sich anschicken wollte, die uneingeschränkte Herrschaft über die Natur anzutreten. Ich zitiere einige diesbezügliche Aussagen von Sloterdijk: "Was die geschichtliche Bewegung aus dem Ruder laufen läßt, ist die Art der geschichtemachenden Bewegung selbst", sagt Sloterdijk.(Eurotaoismus, 29) Und: "Während dieses böse Jahrhundert sich seinem Ende nähert, breitet sich die Ahnung aus, daß die zu machende Geschichte ein Vorwand war. Das entscheidende Thema der Neuzeit ist die zu machende Natur." (23) Verhängnisvollerweise scheint dieser Versuch nur allzugut zu gelingen, - das ist die alte Geschichte vom Zauberlehrling. "Es sind Dinge ins Rollen gekommen ..., die man keinesfalls vorhergesehen hat und von denen man vernünftigerweise bezweifeln muß, ob sie je wieder von einem menschlichen Handeln eingefangen und in nichtfatale Bahnen umgelenkt werden können." (25f.) Und: "Das kinetische Kapital ... kann nicht anders, als die Verhältnisse nach beschleunigten Melodien tanzen zu machen. Es bringt Güterströme zum Fließen, Flotten zum Kreuzen, Rolltreppen zum Gleiten, Atmosphären zum Umschlagen, Faunen zum Verschwinden. Die naiven Zeiten sind vorüber, in denen Menschen denken durften, daß sie sich bewegen müssen, damit die Welt vorankommt. Inzwischen ist die Bewegung los, die reine Bewegung." (29f.) Verkehrung des Verkehrs - der moderne Verkehr hat den Charakter einer zweiten Natur angenommen. Was besagt das für das Miteinanderverkehren der Menschen? Zur ersten Verdeutlichung kann an den Begriff "Individualverkehr" erinnert werden, der vom Wort her scheinbar eben dieses Moment zum Ausdruck bringt, mit dem ich vorhin begann, daß nämlich je Einzelne in Verkehr miteinander treten, Verbindung zueinander aufnehmen. Ist jedoch vom "Individualverkehr" die Rede, so kommt es gerade nicht mehr darauf an, wer mit wem verkehrt, ob sich und wie sich Einer einem Anderen zuwendet, wie er ihn besucht und wieder verläßt. Worauf es ankommt, ist, daß verkehrt wird, - höchstens dann noch darauf, daß vielleicht besser nicht, nicht so verkehrt werden sollte. Wird der Verkehr zu einer selbständigen Macht, so erhält der Raum des Miteinanderverkehrens einen grundsätzlich anderen Charakter; in gewissem Sinne kann man sagen, daß er seine Relevanz und konkrete Realität verliert. Er ist jetzt nicht mehr der konkrete umgreifende Bereich, durch den hindurch sich die Hin-und-Herbewegung zwischen den Menschen und zwischen den von ihnen auf den Weg gebrachten Dingen vollzieht. Er ist ein Raum ohne Nähe und Ferne, ohne ausgezeichnete Gegenden und Richtungen. Oder besser: für ihn sind ausgezeichnete Gegenden und Richtungen die, die seinen immanenten, berechenbaren Maßstäben und seinen sich rechnenden Mitteln und Zwecken entsprechen. Diese Maßstäbe und Zwecke sind sogenannte "überindividuelle", "objektive" Größen, die ihren Ort letztlich in einer abstrakten Rationalität haben; diese Rationalität übersteigt wesentlich sowohl die konkreten, und d.h. immer auch besonderen Bedürfnisse und Interessen der Einzelnen wie auch die dem allgemeinen Verkehr zugehörigen besonderen Momente, die einzelnen Verkehrswege, Verkehrsmittel oder auch Verkehrsvorschriften. Der moderne Verkehr ist ein eigenständiges "Wesen", mit eigenen Gesetzmäßigkeiten, Entwicklungen, und Sachzwängen, die von ganz anderem abhängen als von den jeweiligen Bedürfnissen der Menschen, die sich oder ihre Waren zueinander bringen wollen. Der Verkehr ist raumübergreifend und gehorcht quantifizierbaren Größen. Er berechnet sich nach voraussehbaren Warenströmen, nach der alltäglichen Verkehrsdichte, nach Erschließungsbedürfnissen, Aufnahmekapazitäten, evtl. noch nach Gefahrenzonen und Unfallhäufigkeit. Innerhalb seiner bekommen die zu anonymen Verkehrsteilnehmern gewordenen Menschen ihre Relevanz von der übergeordneten Verkehrsrationalität zugewiesen; zumindest werden sie und ihr Verhalten von jener her beurteilt bzw. verbucht. Die Gegenseitigkeit ihrer Bewegungen spielt dabei keine Rolle mehr. Anonymität heißt Namenlosigkeit. Namenlos ist, was keine ihm allein eigentümliche Besonderheit hat, nichts, was ihm eine gegenüber Anderem herauszuhebende und zu benennende Eigenheit gäbe. Diese Nivellierung trifft auch die Sprache, in der wir vom modernen Verkehr sprechen, und dies paradoxerweise auch und gerade da, wo einzelnes ihm Zugehöriges wieder so etwas wie einen Eigennamen zu bekommen scheint, - Transrapid etwa oder B 31 Ost. Vor allem jedoch läßt sich gerade an der Sprache als einem Verkehrsmittel die Verselbständigung beispielhaft aufweisen. Indem sie zu einem bloßen Verkehrsmittel wird, wird sie formelhaft und formal. "Globalisierung" und "Maastrichtkriterien" etwa sind solche zu bloßen Münzen gewordene gängige Formeln, die im politischen Diskurs fast überall eingesetzt werden können, z.B., um einer inhaltlichen Diskussion von vorneherein das Wasser abzugraben. Die alltägliche Verkehrssprache unterwirft die in ihr gemachten Äußerungen den Bildungs- und Verlaufsgesetzen des reibungslosen Funktionierens. Wie oft verzichtet man auf den eigenen persönlichen Ausdruck und überläßt sich vorgeformten Wendungen und Worten! Das müssen nicht immer Wendungen der gängigen Alltagssprache sein, es betrifft auch und gerade die Fachsprachen, z.B. auch die philosophische, die sich oftmals beruhigt bei einer Bewegung in Begriffen und Fragen , in die sie eintaucht wie in ein vorgegebenes Medium, ohne daß sie die einen wie die anderen noch mit eigenem Denken erfüllen wollte, ohne daß der eigene Sachbezug noch einen Ort in der Rede fände. Bachelard spricht von der "geometrischen Krebswucherung des sprachlichen Zellengewebes in der zeitgenössischen Philosophie" (Poetik des Raumes, 243); er weist auf ihre "erstarrten Metaphern, fossiliengewordenen Bilder" (252) hin; mindestens ebenso scheinen mir die zu bloßen Stichworten und Formeln verkommenen Kunstworte und die oftmals gewollt geistreich und originell sein sollenden Bilder der Logik des Zellengewebe-Denkens zu entsprechen. "Aber - so noch einmal Bachelard - in der Philosophie rächt sich die Bequemlichkeit, und das philosophische Wissen wird nicht auf dem Boden schematisierter Erfahrungen gewonnen." (Vielleicht ist aber bei der modernen Verkehrsweise gar nicht mehr die Sprache das ausgezeichnete Verkehrsmittel. Virilio, auf den ich gleich noch kurz kommen werde, sagt jedenfalls, daß "das Bild nunmehr das einzige leistungsfähige Vehikel ist. Ein realzeitliches Bild, das den Raum, in dem sich noch das Automobil fortbewegt, verdrängen wird." (Stillst., 31f.) Anders als die Sprache, die Verkehrsmittel im geistigen, nicht leibhaften Raum ist, übergreift nach Virilio das elektronisch erstellte und gesendete Bild, die "Realzeit der Direktübertragungen", alle möglichen Räume, z.B. den "realen Raum einer Landschaft"; genauer soll es imstande sein, den Raum selbst zugunsten der Zeit aufzuheben, einer Zeit, die letztlich der Augenblick des Beobachters ist.) Doch zurück zur Selbstbeweglichkeit des Verkehrs in seiner alltäglichen Realität. Im Grunde ist der Ausdruck "Selbstbeweglichkeit" schief, obgleich er sich - zumal in der Übersetzung "Auto-Mobilität" - zugleich nahelegt. Die Naturgesetzlichkeit der zweiten Natur ist eine scheinbare. Damit will ich nicht sagen, daß es letztlich eben doch die Menschen sind, die den Verkehr hervorbringen, indem sie an ihm teilnehmen und sich in ihn begeben. Ich denke, daß sie ihre Kontroll- und Entscheidungsfähigkeit in der Tat verloren haben, sie mußten sie an die scheinbar objektive Macht abgeben. Aber das heißt nicht, daß diese selbst - oder mehr oder weniger geheimnisvoll hinter ihr stehende Kräfte - jetzt tatsächlich selbst kontrollieren und entscheiden würde. Sicher, auch im Fall des Verkehrs sind - wie im übrigen wohl bei all diesen Verselbständigungstendenzen - mannigfache Profit- und Machtinteressen auszumachen, die das Getriebe in Gang halten. Aber sind nicht diese Interessen selbst, sind nicht der Profit und die Macht ihrerseits weitgehend anonyme Größen geworden? Weder der Verkehr, noch das Kapital, noch die Hochfinanz, noch der Staat sind "persönlich" entscheidend und lenkend für den Gang unserer Angelegenheiten verantwortlich und also auch dafür haftbar zu machen. Die Verselbständigung bedeutet gerade, daß es am Ende "niemand gewesen ist". Und doch geschieht etwas. Bäume werden gefällt, der Boden wird versiegelt, Kinder werden krank. Aber auch: Verkehrsbelange setzen sich durch, Transitströme fließen, das Kapital erhöht seine Umlaufgeschwindigkeit. Und auch: Menschen fahren in Ferien, Waren aus fernen Ländern kommen zu uns, Kranken- und Hilfstransporte passieren das Land. Da ist etwas in dauernder Bewegung, mit einigen guten und vielen schlechten Auswirkungen, aber es ist gewissermaßen in unbewegter Bewegung; es macht etwas mit uns, aber mit ihm macht sich's von selbst. In den "Vorbemerkungen" zu einem Band mit dem Titel "auf, und, davon", "Eine Nomadologie der Neunziger", heißt es von der Welt: "Tatsache ist: Wir halten sie aus - daher sind wir. Mehr nicht." (Werner Krause, a.a.O., 9) Paul Virilio zitiert einen Vers von Henri Michaux: "Man träumt nicht mehr, man wird geträumt" (Stillst., 47) Entsprechend könnten wir formulieren: Die Verkehrung des Verkehrs besagt: wir verkehren nicht, wir werden verkehrt. Die Doppeldeutigkeit dieser absurden Formulierung - wir werden verkehrt - bringt zum Ausdruck, daß das, was da mit uns geschieht, wenn die Beziehungen selbständig werden, nicht irgendein beliebiges Geschehnis ist, sondern daß es uns in unserem Innersten verändern, umkehren kann. Ein Moment dieser zutiefst verändernden Einwirkung des Verkehrswesens auf den Menschen ist das Faktum der Geschwindigkeit und Beschleunigung, das nicht nur den modernen Verkehrsmitteln, aber diesen in einem zuvor ungeahnten Maße innewohnt. Die heute prononciert begegnende Wiederentdeckung der Langsamkeit hängt zweifellos mit der Erfahrung einer Gefährdung des Menschen durch die Geschwindigkeit zusammen. Daß auf Grund der Veränderungen von Bewegung und Bewegtwerden eine Veränderung des Menschseins selbst anstehen könnte, ist eine Überzeugung verschiedener zeitgenössischer Theorien über die Zukunft des Menschen unserer Tage, die diese Veränderung selbst positiv auf den Begriff zu bringen suchen. Zwei von ihnen, die beide 1990 erschienen sind, will ich hier kurz als Beispiele anführen, wenn auch nicht kommentieren, gerade weil sie zu völlig entgegengesetzten Resultaten kommen. Vilém Flusser spricht in "auf, und, davon" von der "Tatsache, daß uns das seßhafte Leben vom konkreten Erleben abgeschnitten hat, und daß wir unfähig geworden sind, Konkretes zu erfahren". Demgegenüber erfahren Nomaden "die vernetzte konkrete Wirklichkeit, sie fahren darin herum, sie befahren Möglichkeitsfelder."(31) Die Neunzigerjahre könnten nun, das ist die These des ganzen Buches, deren Implikationen Flusser in seinem Aufsatz zu erläutern sucht, "der Seßhaftigkeit ein Ende bereiten." (18) Daher der Begriff der Nomadologie, der übrigens schon bei Deleuze und Guattari begegnet. (Rhizom, 37) Paul Virilios Diagnose führt, was die menschliche Zukunft angeht, in die entgegengesetzte Richtung; sie setzt gewissermaßen schon einen Schritt weiter an: "das Moment der Bewegungslosigkeit löst die fortwährende Bewegung ab." (Rasender Stillstand, 36) In der "kurz bevorstehenden Durchsetzung des audiovisuellen Vehikels" vermutet er "einen Ersatz für unsere physischen Fortbewegungen und Verlängerung der häuslichen Bewegungslosigkeit, eine letzte Veränderung", "die schließlich den Triumph der Seßhaftigkeit erleben wird, einer endgültigen Seßhaftigkeit diesmal." (38f.) Die "vehikulare Veränderung" wird "vom entfesselten Nomadismus zur Bewegungslosigkeit führen, zur endgültigen Seßhaftigkeit der Gesellschaften." (42) Ich bezweifle allerdings, ob solche radikalen Thesen unser Auf-der-Erde- sein und seine möglichen Veränderungen wirklich treffen. Um sie diskutieren zu können, bedürfte es allerdings einer eingehenderen Auseinandersetzung mit den ihnen zugrundeliegenden Zeitanalysen. Mir scheint, als würde hier ein Moment der Jetztzeit ungebührend verabsolutiert. Ich denke, der Verkehr ist nur ein Beispiel; die zweite Natur - ich habe anderswo von den "konkreten Abstrakta" gesprochen - breitet sich über die Erde aus und zieht uns in sich hinein, verwendet uns für ihre Zwecke, die die Zwecke von allen und niemandem zu sein scheinen. Die Frage, ob nicht - und gegebenenfalls wie - die Verkehrung als solche, als geschichtlich, durch Menschen gewordene, selbst geschichtlich, durch Menschen, umkehrbar ist, braucht zuvor die Besinnung auf das, was ist, wenn es so ist, wie es ist, also die Analyse und Kritik. Ein Aspekt davon ist das, was ich hier die Verkehrung nenne, die darin besteht, daß sich Beziehungen, die eigentlich Beziehungen zwischen Menschen sind, verkehren in etwas, das nicht mehr Beziehung ist, auch nichts Menschliches mehr, aber auch nichts im gewohnten Sinne Dingliches. Es ist nichts derartiges mehr, weil es nichts Welthaftes mehr ist. Die Verkehrung des Verkehrs, das ist die Verkehrung des Menschen-möglichen, die Verkehrung der Beziehungen, aber es ist vor allem, weil die anderen Momente mit umfassend, die Verkehrung der Welthaftigkeit. Unter "Welt" verstehe ich in diesem Kontext einen jeweiligen Sinnzusammenhang, den Bereich des jeweiligen Zusammen- und Hineingehörens. Von ihrem Horizont her ordnen sich die Einzelnen in ein Geflecht der gegenseitigen Beziehungen und Eigenheiten. Nur weil wir gemeinsam in eine Welt gehören, können wir innerhalb ihrer Beziehungen zueinander aufnehmen, uns durch einen sinnhaften Raum vom Einen zum Anderen begeben. Die Bedeutungen solcher Verkehrsbeziehungen ergeben und bestimmen sich aus dem Ganzen der jeweiligen Welt. Wo aber ein Sachzusammenhang sich verselbständigt hat und nur noch sogenannte Sachzwänge herrschen, da bestimmt sich diese Sache gerade nicht mehr aus gemeinsamen Sinnbezügen und Sinnhorizonten, da übt vielmehr eine fremde Gesetzmäßigkeit einen Zwang aus, der einer merkwürdigen "geistig-abstrakten" Realität entstammt, die zwar einen eigenen "Sinn" zu haben scheint, die aber, schaut man genauer zu, lediglich in sich selbst bzw. in der sich selbst bestätigenden Rationalität kreist, der sie zugehört. Sprechen wir von der Welt als "Sinnhorizont", so liegt darin auch, daß unser Verstehen sich auf sie hin orientieren muß, daß es nur von ihr her gelingen kann. Die Selbstbewegung des Verkehrs aber ist etwas, was wir, als eine solche Selbstbewegung, nicht mehr verstehen, nicht mehr verstehen können und wohl auch nicht sollen. Das liegt nicht daran, daß die Sachverhalte zu kompliziert geworden wären. Vielmehr daran, daß sie nicht mehr unserer Welt zugehören, in gar keine Welt mehr gehören. Der "Sachzwang" eines Straßenbaus z.B. erhebt nicht mehr den Anspruch, daß wir ihn einsehen sollen, seiner Logik entsprechend reicht es, daß wir uns der - angeblichen - Rationalität beugen, die ihn begründen soll. Wo ein Sachzwang und welcher da besteht, das vermögen, so sagt man, nicht wir zu entscheiden, dafür bedarf es der sogenannten Sach-Verständigen. Hierzu eine Frage aus Ulrich Becks "Gegengiften": "Genau daran entscheidet sich die Zukunft der Demokratie: Sind wir in allen Einzelheiten der Überlebensfragen von Experten, auch von Gegenexperten abhängig, oder gewinnen wir mit der kulturell hergestellten Wahrnehmbarkeit der Gefahren die Kompetenz des eigenen Urteils zurück? Lautet die Alternative nur noch: autoritäre oder kritische Technokratie? Oder gibt es einen Weg, der Entmündigung und Enteignung des Alltags in der Gefahrenzivilisation entgegenzuwirken?" (293) Ich denke, hier müßte sich nun in der Tat die Frage nach der Möglichkeit einer Umkehrung der Verkehrung des Verkehrs anschließen. Das würde jedoch den Bereich der kritischen Analyse verlassen, auf den ich mich heute und hier beschränken wollte.

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Letzte Änderung: 19. August 1997